Allgemein

Schwerhörigkeit und Spracherwerb

Seit meinem letzten Beitrag zur Schwerhörigkeit meines Sohnes ist schon über ein Jahr vergangen. Zeit für ein Update!

Das Handling

Die Hörgeräte wurden von meinem Sohn weiterhin ziemlich gut akzeptiert. Mit etwas über einem Jahr gab es allerdings eine Phase, in der er sie sich ständig rauszog. Das war im letzten Winter. Da „entdeckte“ er gerade seine Ohren und hatte außerdem mit ständigen Erkältungen zu tun, weshalb der Druck auf den Ohren mit den Hörgeräten wohl zu unangenehm war.

Unglücklicherweise schafften wir es in der Zeit, beide Hörgeräte zu verlieren. Erst das eine, dann zwei Tage später das andere. Sie sind auch nie wieder aufgetaucht (wir vermuten, dass er sie in den Müll geworfen hat, der später entsorgt worden ist).

Es folgte ein ziemliches Gerenne, denn die Abdrücke mussten neu gemacht werden, eine Verlustbescheinigung musste sowohl von der Uniklinik als auch von den Hörgeräteakustikern ausgefüllt und neue Untersuchen angeleiert werden. Zum Glück trug die Versicherung die Kosten der Hörgeräte (immerhin ein paar Tausend Euro). Nochmal darf das aber nicht passieren, da wir uns bei der nächsten Fahrlässigkeit an den Kosten beteiligen müssen. Deshalb trägt der Sohn sie jetzt IMMER mit Band. Bei den Nachdrücken ließen wir die Ohrstücke zudem bunt einfärben, damit wir sie schneller finden, falls er sie sich von den Geräten rupft (das hilft wirklich).

IMG-20170413-WA0006
Verliert er die Hörgeräte, bleiben sie am Band hängen

Ein bisschen Sorge machte mir, als der Kleine bei der Tagesmutter eingewöhnt wurde. Ich gebe alles rund um die Hörgeräte nur ungern aus der Hand und ein paar Dinge kriegen die anderen, trotz Instruktionen, auch nicht so gut hin. Bei der Schwiegermutter wurden die Geräte feucht und funktionierten eine Weile nicht, die Tagesmutter ließ sie beim Schlafen drin (entdeckten wir nur durch den Bluterguss am Ohr von der Druckstelle) und verlor ein Ohrstück einmal im Sand auf dem Spielplatz.

cof
Eingefärbte Ohrstücke

Frühförderung

Mit unserem Rückzug nach Norddeutschland wechselte auch die Zuständigkeit der Frühförderung. Von Friedberg aus wurden wir nach Schleswig überstellt, ins Landeszentrum Hören und Kommunikation. Die pädoaudiologische Beratungsstelle dort ist nicht nur unser Ansprechpartner bei allen Fragen, wir bekommen auch eine Frühförderung direkt ins Haus geliefert. Experten besuchen uns regelmäßig, begutachten unseren Sohn und fördern ihn spielerisch, damit rechtzeitig interveniert werden und weitere Förderungen angeregt werden können. Unser Frühförderer kommt bei seinen Hausbesuchen mit einer Kiste voller Gegenstände, die unterschiedliche Geräusche machen. Er testet die Wahrnehmung, die Motorik und die Lautentwicklung sowie die Reaktionen von unserem Sohn auf verschiedene Frequenzen.

IMG-20170324-WA0008
Frühförderung bei uns Zuhause

Unser Kind ist zum Glück alles andere als schüchtern, im Gegenteil: er räumt die Kiste direkt aus und spielt bei allem mit. Am besten gefällt es ihm, Kastanien und Walnüsse durch ein Plastikrohr in verschiedene Plastiktöpfe rollen zu lassen. Rasseln und Schellen interessieren ihn dagegen kaum.

Von der Frühförderung erhielten wir auch viel Material rund ums Thema Spracherwerb und weitere Beratungsangebote wie die Einladung zu einem Informationsseminar (dem Münsteraner Elternprogramm) und zu einer Krabbelgruppe mit schwerhörigen oder gehörlosen Kindern.

Bisher sind wir ziemlich ausgelastet und kommen eigentlich gut im Alltag zurecht, weshalb wir davon kaum etwas in Anspruch genommen haben. Unser Sohn entwickelt sich völlig normal (nicht nur meiner Meinung nach, sondern auch die der Tagesmutter und des HNO-Arztes). Wir haben seine Sprachentwicklung im letzten Jahr zwar besorgt beobachtet, bemühen uns aber um eine entspannte Grundhaltung.

Kinder mit einer Hörschädigung haben spezielle Bedürfnisse, aber diese sind nicht mit etwas Besonderem zu füllen, sondern mit mehr von dem Normalen. (nach Morag Clark 2009)

Sprachentwicklung

Bis er 15 Monate alt war, sagte unser Sohn noch nicht mal „Mama“ oder „Papa“. Da meldete ich uns zu den Seminaren an, studierte das Informationsmaterial eingehend und kontaktierte die Frühförderung bei Fragen. Sehr hilfreich war ihr Tipp, rudimentäre Gesten sprachbegleitend einzusetzen. Ich begann mit super einfachen Gesten wie etwa „Schlafen“, „Essen“, „Nein“, „alle“, „langsam“, „auf“ und „mehr“. Einige von der offiziellen Gebärdensprache, einige intuitiv selbst entwickelt. Nach wenigen Wochen saßen sie bei ihm und er fing an, mit Gesten zu zeigen, was er wollte. Ab da explodierten die Wörter förmlich und er fing an zu sprechen.

edf
unsere Geste für „alle“
bty
„Nein!“ (hier: nicht mit der Hand essen!)

Es war wirklich super spaßig, mit ihm auf die Art zu kommunizieren. Ironischerweise verstand und verstehe ich ihn viel besser als seinerzeit seinen Bruder, der damals mit knapp 1,5 Jahren viel öfter frustriert und bockig war, weil keiner so genau wusste, was sein Problem war. Unser Zweitgeborener besitzt eine extrem ausdrucksstarke Mimik, er hat mich schon früh bei der Hand genommen und gezeigt, was er wollte. Auch jetzt, mit mittlerweile 22 Monaten und einem Wortschatz von 70-80 Worten (es kommen ständig neue hinzu), ist er wesentlich gezielter und deutlicher bei dem, was er von uns möchte.

Er singt, musiziert (nur in die Musikschule will er nicht, auch da macht er mehr als deutlich, wie blöd er es dort findet), spricht nach, kommt teilweise schon mit zwei-Wort-Sätzen um die Ecke und wirkt in keiner Art und Weise beeinträchtigt oder gebremst in seiner Entwicklung.

Kommende Untersuchungen

Regelmäßig stehen HNO-Untersuchungen an (alle zwei Monate), um mögliche Belüftungsprobleme der Gehörgänge zu erkennen, aber vor allem müssen ihm die Ohren gereinigt werden. Unnötig zu erwähnen, dass er das hasst wie die Pest. Nächsten Monat gibt es eine große pädoaudiologische Kontrolle in der Uniklinik. Dort wird eine Statistik zu seiner Sprachentwicklung angelegt und ich bin gespannt, ob die Ärzte meine ziemlich optimistische Einschätzung einer total altersgerechten Entwicklung teilen.

Für mich haben sich aber die meisten Sorgen im letzten Jahr gelegt. Sowohl was das Handling der Hörgeräte im Alltag als auch die sprachliche Entwicklung betrifft. Ich bin aber auch gespannt, wie es weitergeht und wie die Fachärzte und pädagogischen Experten seine Entwicklung einschätzen.

edf

Mehr dazu dann im November :).

4 Kommentare zu „Schwerhörigkeit und Spracherwerb

  1. Liebe Chutriel,
    ich eben über deine Beiträge zum Thema Schwerhörigkeit gestolpert. Unsere Tochter ist auch schwerhörig, 20 Monate alt und trägt ein Hörgerät. Uns wurde jetzt ein CI nahegelegt, wir sind aber noch am überlegen ob wir das wirklich machen.
    Ich würde mich freuen mehr von dir zu dem Thema zu lesen 🙂

    LG Jenny

    Like

  2. Liebe Jenny,
    danke für dein Kommentar!
    Über CI habe ich bisher nur einiges gelesen, weil es uns für unseren Sohn nicht empfohlen worden ist. Wir bekommen bei den Hörtests teilweise auch unterschiedliche Ergebnisse raus und von mittel- bis hochgradiger Schwerhörigkeit war bei den Diagnosen schon alles dabei. Aktuell hört er wohl wieder schlechter, obwohl seine Werte besser sein müssten…ich finde das ziemlich anstrengend, kein klares Ergebnis zu haben und erst auf den Spracherwerb vertröstet zu werden. Wir warten quasi ab, was sich da (nicht) tut und wissen dann erst mehr.

    Wie ist das bei eurer Tochter? Wenn ihr mit 20 Monaten das CI empfohlen wird, ist man sich des Schweregrads ihrer Scherhörigkeit sicher? Wie empfindest du ihren Spracherwerb?

    Liebe Grüße!
    chutriel

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s