Chutriels Beitrag zur Blogparade „Mein Körper (und ich)“

Ich glaube, dieser Blogpost wird mit Abstand mein persönlichster, denn zu dem Thema „Mein Körper (und ich)“ (Teil der Blogparade von Madame Flamusse) gibt es eine sehr lange Leidensgeschichte. Tatsächlich passt der zweigeteilte Titel sehr gut zu meiner Erfahrung. Denn das, was ich will und das, was mein Körper tut, können zwei komplett unterschiedliche Dinge sein.

Meine Kindheit

Meine Kindheit würde ich völlig unbefangen nennen. Die Zuschreibungen übernahmen meine Schwestern. Die große war „die Mütterliche“ (Care-Arbeit ist nach wie vor ihr Ding) und die kleine „die Hübsche“ (das ist bis heute eins ihrer – für sie – wichtigsten Attribute). Ich war frei, wild und laut, dabei widerspenstig und trotzig, habe Fußball gespielt und Dinge repariert. Ich war also nie ein „typisches Mädchen“ – worüber ich bereits gebloggt habe (Hier der Artikel dazu). Demnach war mir völlig egal, wie ich aussah. Kleidung musste funktional sein, sie wurde eh dreckig und beim Sport durchgeschwitzt. Ich war zufrieden mit mir und hatte eine wirklich glückliche Kindheit.

 

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Die Wende

Mit einem Umzug änderte sich alles, in der neuen Schule wurde ich heftig gemobbt. Plötzlich erfuhr ich extreme Ablehnung für das, was ich war. Ich war zu klein, zu kindlich und einfach nicht „richtig“. Sie haben mich bespuckt, verfolgt, beleidigt und einmal sogar verprügelt, aber am schlimmsten war das ständige Lustigmachen über mich.

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Ich zog mich immer mehr zurück, las lieber Fantasy und Sci-Fi. Der Nerd war geboren.

Ich verstand die Welt nicht mehr und reagierte, wie alle Kinder reagieren: mit Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen. Damals weinte ich jeden Abend und jeden Morgen, um nicht in die Schule zu müssen. Dies steigerte sich immer weiter, bis mir eines Tages im Bus auf dem Weg zur Schule furchtbar schlecht wurde und ich aussteigen musste, weil ich Angst hatte, mich übergeben zu müssen.

Aus heiterem Himmel überfiel mich Übelkeit, kalter Angstschweiß, Herzrasen und das Gefühl, jeden Moment ohnmächtig zu werden. Dabei stand ich total neben mir und ich konnte nur noch an eine Sache denken: raus hier, bevor ich umkippe!

Ich war 11 und da war sie, meine erste Panikattacke.

Ab diesem Moment stand ich auf Kriegsfuß mit meinem Körper. Eine sehr lange Leidensgeschichte begann, weil es 15 Jahre dauern sollte, bis meine Panikattacken als Panikstörung erkannt werden sollten. Ab dem Zeitpunkt konnte ich nur noch unter Qualen Busfahren, dort passierte es jedes Mal und immer öfter auch bei anderen Gelegenheiten. Bei Ausflügen, in der Schule, aber auch nachts drehte mein Körper in totaler Panik auf. Ich rannte von Arzt zu Arzt. Als diese mir attestierten, körperlich gesund zu sein, meine Beschwerden aber blieben, bekam ich zu hören „das bildest du dir nur ein.“

Meine eigene Körperwahrnehmung und die Außenwahrnehmung wurden ab da zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Die dunklen Jahre

Das Mobbing in der Schule hörte irgendwann auf und nach einem erneuten Umzug kam ich voll in der Pubertät und einer peer group (aka Freundeskreis) an. Mit allem drum und dran. Trotzdem blieb die einst gemachte Erfahrung Bestandteil meines Alltags, denn der Körper erinnert sich. Erfährt man einmal, in einem Raum voller Menschen ausgelacht zu werden, erlebt man dieses Gefühl jedes Mal, wenn man einen solchen betritt. Ich kämpfte also mit einer aus dem Mobbing heraus entstandenen Sozialphobie. Dies bedeutete, dass nicht nur Situationen wie das Busfahren sondern auch Interaktionen mit Menschen Panikattacken auslösten.

Ich versteckte meine Krankheit aber so gut ich konnte und nahm am gesellschaftlichen Leben teil, wie es von mir erwartet wurde. Dabei war ich halt immer „ein bisschen seltsam“. Man fand mich nie im Trubel, sondern immer abseits. Beobachtend, abwartend (bis die Attacke vorbei war) und lieber im vier-Augen-Gespräch als small talkend. Letztlich legte dies den Grundstein für meine heutige Profession, die Sozialwissenschaft.

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als Teenager

Positive Erfahrungen können alte zum Glück überschreiben, die Gelegenheit dazu bekam ich aber nicht.

Denn meine Mutter wurde krebskrank.

Je kränker sie wurde, umso schlechter fühlte ich mich. Was ich punktuell als Übelkeitsanfälle schon kannte, wurde mein Alltag. Mein Hals war wie zugeschnürt, die Nächte verbrachte ich zitternd auf dem Badezimmerboden vor lauter Übelkeit. Ich konnte gar nicht mehr schlafen, nicht essen (ein halbes Jahre bekam ich nur trockenes Brot runter) und kaum atmen.

Ich war zwar körperlich gesund, aber warum sollte es mir gut gehen, mit einer sterbenden Mutter?! Um uns zerbrach alles und ich hielt nur mit Mühe und Not mein Innerstes zusammen.

Mein Körper befand sich im Daueralarmzustand. Ich hatte Angst vor der Krankenwagensirene auf der Straße, vor dem Telefonklingeln und vor den schlechten Nachrichten, die sie mir bringen könnten. So wurde ich im Freundeskreis bekannt als die „Spaßbremse“ und lernte, lieber nichts zu sagen als andere mit meinen düsteren Gedanken zu beunruhigen. Alle planten ihr Leben, feierten, stritten sich mit ihren Eltern und wollten studieren. Ich kämpfte mich derweil von Tag zu Tag und hatte Angst vor der Zukunft.

„Lächel doch mal!“ wurde mir andauernd gesagt. Das geht aber schwer, wenn man innerlich mit Übelkeit und Ohnmacht kämpft.

2008
2008, angestrengt auf einer Familienfeier

Nebenbei war ich weiterhin ständig beim Arzt, nahm irgendwelche Medikamente, die nicht halfen und fehlte andauernd in der Schule.

Sweet 16 und ich hätte eigentlich nur kotzen können. Meine Mutter verlor Haare und Brust, ich versteckte meine. Wie schlimm muss es für sie gewesen sein, ihre drei Töchter in der Blüte der Pubertät zu sehen, während sie förmlich verwelkte. Ich begriff die Vergänglichkeit des Körpers, weil ich sie sah. Weiblichkeit war kein Begriff für mich, sondern ein Todesurteil. Schließlich kam der Krebs, der sie tötete, aus der Brust.

Der Tag des Anrufes

Der Tag, vor dem ich am meisten Angst hatte, kam und mit ihm der Anruf aus dem Krankenhaus.

„Mama ist tot.“

Ich erinnere mich bis heute nur noch an wenig aus der Zeit, aber die körperlichen Auswirkungen der Trauer werde ich nicht vergessen. Bis auf die Knochen tat jede Faser meines Körpers weh, meine Haut schmerzte und das für Jahre. Als ich im Geburtsvorbeitungskurs in meiner zweiten Schwangerschaft nach den schlimmsten körperlichen Schmerzen meines Lebens gefragt wurde, antwortete ich: Trauer.

Meine Schule lag dem Krankenhaus gegenüber, in dem sie starb. Vom Fenster meines Leistungskurses aus konnte ich das Gebäude sehen und in den Wochen vor ihrem Tod besuchte ich sie dort in meiner Mittagspause, während andere ihre Hausaufgaben in der Zeit erledigten. Ich wollte weglaufen und konnte nicht, dieser unterdrückte Fluchtreflex befeuerte meine Panikstörung, die dadurch zum Dauerzustand wurde. Demnach fiel mein Abi mehr schlecht als recht aus, weil ich laut Lehrer „so unkonzentriert im letzten Jahr war“. Ich interessierte mich nicht für meine Leistungskurse oder eine Uni, weil ich damit beschäftigt war, meine Trauer und Panik unter Kontrolle zu halten.

2005
auf meinem Abiball 2005, einige Monate nach dem Tod meiner Mutter, wog ich nur noch 50kg

Weitere Krisen folgten, ich trennte mich vom meiner Jugendliebe, zerstritt mich mit meinem Vater und zog aus.

Ich war gerade erst 19 und schon so erschöpft, weil mein Körper andauernd angespannt war. Ich schaffte es trotzdem irgendwie, ein Studium anzufangen und lernte in der Zeit meinen jetzigen Mann kennen.

Endlich eine Diagnose

Mein jetziger Mann macht all die Dinge gerne, die bei mir Panikattacken auslösten: ins Kino gehen, Konzerte besuchen und Verreisen. Ich wollte natürlich mithalten und bemerkte erst da, dass mit mir was Grundlegendes nicht stimmte. Denn eigentlich war mein Leben doch gut, das Studium lief und machte mir Spaß, ich hatte ein erfülltes (zwar anstrengendes, aber trotzdem gutes) Sozialleben und zum ersten Mal richtige Zukunftspläne. Trotzdem fühlte ich mich krank, ich bekam sogar einen Hörsturz mit so heftigem Schwindel, das ich kaum noch aufstehen konnte. Zur altbekannten Übelkeit gesellte sich daraufhin noch Schwindel hinzu, kaum, dass ich das Haus verließ.

Zu meinem Glück hatte ich eine Hausärztin, die mit mir zusammen darum bemüht war, meine Probleme in den Griff zu bekommen. Aber auch sie suchte nach körperlichen Ursachen und nach etlichen Monaten sagte sie zu mir:

„Es tut mir schon fast leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind wirklich komplett gesund.“

Das ist hart zu hören, wenn man sich krank fühlt. Ich war Mitte 20 und zweifelte an meinem Verstand. Daraufhin suchte ich Erklärungen für meine Gefühle im psychosomatischen Bereich und wurde ziemlich schnell fündig.

Panikattacken sind plötzlich auftretende Anfälle starker Angst, die mit einer Vielzahl körperlicher Symptome einhergehen wie Zittern, Schwitzen und Herzklopfen sowie die Angst verstärkenden Gedanken. Häufige Vorstellungen sind etwa die, einen Herzinfarkt zu erleiden, zu ersticken oder in Ohnmacht zu fallen. Die bedrohliche Interpretation erzeugt bei den Betroffenen die Befürchtung, an den Symptomen zu sterben. Die Panikattacken halten zwar nur kurze Zeit an, sind aber sehr intensiv und kräfteraubend. (Quelle: http://www.netdoktor.de/krankheiten/panikstoerung/#/panikstorung-beschreibung)

Auf die Erleichterung, endlich eine Diagnose zu finden, folgte der anstrengende Prozess der Heilung. Aber wieder hatte ich Glück und bekam innerhalb weniger Wochen einen Platz bei einer Verhaltenstherapeutin. Normalerweise wartet man monatelang, was in akuten Episoden einer psychischen Erkrankung kaum zu ertragen ist.

2009
2009 – noch ohne Therapie

Die Therapie

Nachdem sich meine Symptome durch das Bewusstmachen erst einmal verschlimmerten, brachte die Verhaltenstherapie in den ersten Monaten aber eine so gravierende Verbesserung, dass mir die 15 Jahre mit der Erkrankung umso länger erschienen.

Ich lernte Entspannungstechniken für den Moment einer Attacke und den Umgang im Alltag damit. Wichtig waren Auszeiten, um gar nicht erst angespannt in Situationen anzukommen, die bei mir Panikattacken auslösten. Am wichtigsten war für mich aber, den körperlichen Symptomen nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, sondern die Kontrolle über meinen Körper zurück zu bekommen.

Außerdem half das Wissen darüber, mit meinen Problemen nicht alleine zu sein. Fast jeder Vierte leidet im Laufe seines Lebens unter einer Angststörung – was für mich auch ein Grund ist, so offen von meinen Erfahrungen zu bloggen.

Im Rahmen einer sehr umfangreichen und repräsentativen Studie über den Gesundheitszustand in Deutschland im Jahr 2013 fand man bei 15,3 Prozent der 18- bis 79-Jährigen eine Angststörung innerhalb der letzten 12 Monate.

[…]

Angststörungen sind bei Frauen (noch vor den Depressionen) die häufigste psychiatrische Störung, bei Männern (nach dem Alkoholmissbrauch) immerhin die zweithäufigste psychische Störung. In klinischen Stichproben sind Panikstörungen und Agoraphobien die häufigsten Angststörungen, gefolgt von sozialen Phobien, während in der Allgemeinbevölkerung soziale und spezifische Phobien am weitesten verbreitet sind. (Quelle: http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm)

Ich arbeitete mich langsam aber sicher aus einem erlernten Verhalten von 15 Jahren heraus, dabei stand mir mein Mann immer zur Seite.  Er begleitete mich zu den Therapiesitzungen und wurde Bestandteil meiner Heilung. Er hatte großes Verständnis – und hat es bis heute noch für meine übrig gebliebenen Spleens.

Das schlimmste bei der Erkrankung ist, wenn die Probleme nicht ernst genommen werden. Es geht einem während einer Panikattacke unfassbar schlecht und Sprüche wie „entspann‘ dich doch einfach!“ oder „stell dich nicht so an, es ist gar nichts los!“ helfen NICHT. Es ist so, als würde man einem Epileptiker sagen, er solle doch einfach mit dem Zittern aufhören.

Häufiger aber noch bleiben die Attacken vom Umfeld komplett unbemerkt. Mein Mann, der quasi geschult wurde, erkennt eine Panikattacke bei mir nur, wenn ich ihm davon erzähle. Die Auswirkungen der Attacken sind aber enorm. Wenn man sich nach einem bloßen Einkauf ausruhen muss oder wenn Vermeidungsverhalten an der Tagesordnung ist, erntet man dafür oft nur Unverständnis.

Mir hat die Verhaltenstherapie damals sehr geholfen. Vor allem, als es um die Entscheidung zur Familiengründung ging. Ich konnte über ein Jahrzehnt lang nicht mal beschwerdefrei aus dem Haus gehen und musste mich tagelang von einer Panikattacke erholen. Wie hätte ich da Kinder bekommen sollen?

Da der Post jetzt schon unfassbar lang geworden ist (eine Entschuldigung dafür, falls jemand wirklich bis zum Ende gelesen hat), berichte ich im nächsten Blogpost von meinen Erfahrungen in der Schwangerschaft, die noch während der Therapie begann.

13 Kommentare zu „Chutriels Beitrag zur Blogparade „Mein Körper (und ich)“

  1. Wow.. ich bin sprachlos irgendwie.. Ich verfolge euren Blog mehr oder weniger seit ich vor Jahren den Thread im KK Forum gelesen habe und finde deine Geschichte bewegend, Chutriel. Mutig, wie ehrlich und offensiv du mit der Thematik umgehst.

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    1. Wie schön, dass du uns schon so viele Jahre begleitest :)! Sowas zu lesen freut mich immer sehr!

      Und vielen Dank! Dabei fühlt es sich gar nicht mutig an…ich finde es aber wirklich wichtig, der Erkrankung mehr Öffentlichkeit zu geben. Oft hat es mich sehr betroffen gemacht, wenn ich als Antwort hörte, wie viele Menschen ähnliches durchleiden und nie darüber gesprochen haben.

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  2. Ich habe auch sehr mitgefiebert ( auch wegen der eigenen Erfahrungen) beim Text und heute auch hier zur Zeit verlinkt, wünsch Dir noch viele Leser*innen und bin gespannt auf Teil 2.

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