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Wie es wirklich ist…als Mutter mit Panikstörung

Ich habe schon ein paar Mal über meine psychischen Erkrankungen geschrieben (über meine Panikstörung): Zuletzt wie ich von der Panikstörung direkt in die Wochenbettdepression gerutscht bin. Aber auch, wenn ich mich als gesund bezeichnen würde, bleibt die Erkrankung meine ständige Begleiterin und beeinflusst meinen Alltag und meine Familie immer noch enorm.

Wie es früher war

Meine erste Panikattacke hatte ich mit 11 Jahren. Von da an bestimmten sie 15 Jahre lang mein Leben. Sie überfielen mich hauptsächlich in öffentlichen Räumen, aber auch in anderen Situationen, die in irgendeiner Art mit Stress verbunden waren. Am schlimmsten waren für mich öffentliche Verkehrsmittel, aber auch Dinge des täglichen Lebens wie Einkaufen oder Freitzeitaktivitäten waren immer Auslöser für Panikattacken. Ich konnte kaum ins Kino oder auf Konzerte gehen, Partys überstand ich nur, wenn ich den Ort kannte. Die Panikattacken kündigten sich schleichend mit Herzrasen, Schweißausbrüchen und Schwindel an und gingen in Übelkeit und Depersonalisation über. Meistens dauerten die Attacken 30 Minuten, manche zogen sich aber auch über Stunden. Danach war ich immer total erschöpft.

Im Laufe der Jahre entwickelte ich Strategien, damit klar zu kommen, baute mein Leben um sie herum und lebte mit den Phasen der totalen Erschöpfung. Im Studium litt ich mich durch das Semester und verkroch mich in den Semesterferien, um den Akku irgendwie wieder aufzuladen.

Das war ein ziemlich beschissenes Leben und nach einer sehr heftigen Episode, die auch in einem Hörsturz endete und nach der ich gar nicht mehr das Haus verlassen konnte, bekam ich endlich die richtige Hilfe (meine Ärzteodyssee über die Jahre würden an der Stelle hier zu weit führen).

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Ich hatte aber auch Glück und fand auf Anhieb eine für mich passende Therapeutin, bei der ich zwei Jahre lang eine Verhaltenstherapie machen konnte. Dort lernte ich, mein Leben auf meine Grundbedürfnisse anzupassen, denn durch die Jahre der Krankheit verlor ich den Bezug zu ihnen. Ich musste meinen Stresspegel unten halten, weil meine individuelle Schwelle nicht ganz „normal“ war (also eher etwas empfindlich) und gewisse Trigger zum Überschreiten und damit zur Panikattacke führten.

Darüber hinaus lernte ich Methoden, die während einer Panikattacke zum Tragen kamen und sie mich besser überstehen ließ.

Es war ein langer Prozess, aber zum Ende der Therapie wurde ich schwanger und bekam mein erstes Kind.

Rückfall durch die Familiengründung

Durch den schlechten Verlauf der ersten Schwangerschaft, die traumatische Frühgeburt und die anschließende schwere Zeit, rutschte ich von der therapierten Panikstörung in die Wochenbettdepression (über die Wochenbettdepression). Die ersten Jahre mit dem ersten Kind waren einfach nur hart.

Ich kämpfe mit depressiven Symptomen, die das genaue Gegenteil von meiner vorherigen Erkrankung waren. Statt ständig unter Strom zu stehen, konnte ich mich zu nichts mehr aufraffen. Alleine bei der Vorstellung, das Kind morgens in die Kita bringen zu müssen, hätte ich weinen können.

ABER: es ging uns allen so, zumindest rettete mich der Austausch mit anderen frischgebackenen Müttern. Auch ohne das Label „Depression“ litten wir unter Überforderung, totaler Erschöpfung und Gereiztheit (dem Partner und Kind gegenüber). Die ständigen Phasen des Kindes (schläft nicht, weint ständig, klammert, macht nur Blödsinn, …) hielten uns vom normalen Leben ab.

Jede Mutter weiß, dass die eigenen Grundbedürfnisse die ersten Jahre mit Kindern kaum gestillt werden.

Was davon ist normal und was ist „krankhaft“? Wie viel der Überforderung war der Erkrankung geschuldet und wie viel hatte schlicht mit der Umstellung auf das Leben mit Kind zu tun? Diese Fragen kann ich mir bis heute nicht beantworten.

Besserung durch die Familiengründung

Ich bekam ein zweites Kind und obwohl die Anforderungen damit enorm stiegen, ging es mir viel besser. Mit dem zweiten Kind zog ein neuer Mensch ein, der alles wieder durcheinander brachte und für den wir uns neu einstellen mussten – was in unserem Fall heilsam war. Ich arbeitete die erste Schwangerschaft und das Geburtstrauma auf und kümmerte mich gut um mich.

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Durch die Kinder wurde das zur obersten Priorität, denn schließlich merkte ich in den Jahren davor auf die harte Tour, dass mein Gemüts- und Allgemeinzustand das Familienklima maßgeblich mitbestimmen konnte.

Das hießt auch, dass ich schließlich für meine Kinder lernen musste, gut auf mich zu achten. Rechtzeitig Signale zu deuten und zur Not auch die Bremse zu ziehen, wenn irgendetwas nicht gut ging. Sie erhöhen die Notwendigkeit für die restlichen Familienmitglieder, mich zu unterstützen. Denn wenn ich nicht mehr kann, bricht mit mir alles zusammen.

Kinder trotz Erkrankung?

Die Frage habe ich mir oft gestellt und bevor der Kinderwunsch meines Partners relevant war, hätte ich die Frage definitiv mit Nein beantwortet. Wie kann ich Kinder betreuen, wenn ich es nicht mal schaffe, das Haus zu verlassen? Oder Einkaufen zu gehen? Wenn ich nach 12 Stunden Schlaf immer noch total erschöpft bin?

Tatsächlich sorgt das Leben mit den Kinder zu einem Großteil dazu, dass ich gar nicht mehr in die Verlegenheit komme, Panikattacken zu haben. Die (krankhafte) Innenschau verlagert sich nach Außen, wenn ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Kinder im Blick zu haben.

Der Lebensstil mit Kindern führt zudem fast automatisch zu einem verhältnismäßig gesunden und ausgewogenen Leben, das ich früher in der Form nicht hatte. Ich achte auf gute Ernährung, sitze nachmittags in der Sonne, wenn sie draußen spielen, ich kuschel sonntags entspannt auf der Couch, ich tanze abends mit den Kindern vor dem Schlafen zur Musik. Genau von diesen „Inseln“ im Alltag hat meine Therapeutin damals viel gesprochen. Mich auf meine Kinder einzulassen und diese alltäglichen Situationen mit ihnen zu erleben, reduziert automatisch meinen Stresshormonpegel.

Der faktische Stress steigert sich natürlich, aber es ist sinnvoller Stress, der abgearbeitet und erledigt werden kann und nicht wie früher in eine irrationale Richtung ging.

Im Gegenteil sogar: meine Kontrollsucht kommt der ganzen Familie zu Gute. Ich brauche geregelte Abläufe, ständige Absprachen und Pläne für Wochen, damit ich mich entspannen kann. Der Alltag läuft bei uns ziemlich gut, was für mich persönlich auch hilfreich ist, mich mit meinen (für uns alle) ein bisschen anstrengenden Charaktereigenschaften zu versöhnen. Sie sorgen maßgeblich dafür, dass wir alle den Spagat zwischen Arbeiten und Familie gut hinbekommen.

Aber das System ist fragil.

Schlechte Phasen und Rücksichtnahme

Wenn die Kinder krank sind oder wenn ständig irgendetwas dazwischen kommt (was oft passiert), wird mir auch schnell alles wieder zu viel. Gewisse Dinge kann ich einfach nicht gut, weil sie mich zu sehr stressen – und das ist okay. Für uns zumindest. Wir haben eine klare Aufgabenteilung, jeder übernimmt die Aufgaben und Pflichten mit den Kindern, die er gut kann (oder die für ihn das geringere Problem darstellen).

Dauerhafter Krach, ständig angefasst zu werden und viel Gewusel…das strengt mich immer noch über Gebühr sehr an, aber ich sorge auch im Alltag für genug Auszeiten für uns alle. Es gibt kein Gehetze von A nach B, keine tausend Termine oder Veranstaltungen. Ausflüge sind Highlights und kein Standard. Erholungsphasen stehen danach auf dem Programm.

Und haben die Kinder schlechte Phasen, cancel ich auch alle anderen Pläne. Ohne schlechtes Gewissen. Ich ziehe mich zudem auch aus dem Trubel heraus und mache die Tür hinter mir zu, wenn ich eine halbe Stunde Ruhe brauche.

Meiner Meinung nach tut den Kindern das sehr gut. Wir haben sehr entspannte Wochenenden, an denen sie nur spielen und selbst ihre Akkus für die Woche wieder aufladen.

Darüber hinaus bewerte ich unsere Routinen immer wieder neu und stelle zur Not um, was zu sehr belastet.

Aber das ist gesund für alle Mütter, nicht nur für mich. Deshalb hat die Mutterschaft enorm viel relativiert und statt mich als benachteiligt zu empfinden, sehe ich einige Vorteile in meiner Erkrankung. Sie ist der Maßstab für das, was ich zu leisten in der Lage bin und ich habe gelernt, auf das Summen im Hinterkopf zu hören.

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Was ist Persönlichkeit und was ist Erkrankung?

War ich vorher für viele hysterisch, wundert man sich kaum über so manche Stilblüten im Verhalten, sobald frau Mutter wird. Tatsächlich scheinen irrationale Ängste als Mutter gesellschaftlich total akzeptiert zu sein. Ich bin mir also auch nicht sicher, zu wie vielen Teilen ich krank bin und was davon auch von Außen an mich herangetragene Erwartungen sind, denen ich nicht entsprechen kann und will.

Angespannt, überbesorgt und ängstlich zu sein, das war bei mir früher pathologisch und heute sind das Attribute, die zu (guten?) Müttern gehören. Ich wurde belächelt, wenn ich minutiös geplant habe, aber Mütter machen das freiwillig und durchorganisieren die Freizeit ihrer Kinder. Ich war hysterisch, wenn ich auf den Notfall (jeden Notfall) vorbereitet war, jetzt bin ich die, die für ihre gute Organisation bewundert wird.

Tatsächlich bin ich heute eher eine „entspannte“ Mutter, wovon mit meiner Vorgeschichte nicht unbedingt auszugehen war. Aber meine Kinder sorgen maßgeblich dafür, dass ich mich um ein ausgewogenes und gut strukturiertes Leben kümmere, in dem unsere Gesundheit die oberste Priorität hat.

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