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Blogparade „Mein Körper und ich“ und keine Waage

So ganz korrekt ist der Titel nicht. Wir haben nämlich sehr wohl eine Waage. Sie steht mit einer dicken Staubschicht bedeckt im Keller, seit sie vor ungefähr 6 Jahren ausging. Ihr wisst schon: Flacker flacker und dann blieb das Display grau und zeigte keine Kilogramms mehr an. Wie das eben ist, wenn die Batterie keinen Strom mehr hat und wir sie nie gegen neue Batterien ersetzten. So wanderte die Waage irgendwann vom Badezimmer in den Keller.

Wenn ich an Kilogramm denke, fällt mir direkt ein Buch ein. „Dies ist kein Liebeslied“ von Karen Duve. Als ich den Roman vor Jahren las, fand ich mich darin in einer Weltsicht wieder, die ich erstaunlich fand: Je nach Gewicht fühlte sich die weibliche Hauptfigur richtig gut oder richtig schlecht, meistens richtig schlecht und noch viel viel schlechter, weil sie ihr Traumgewicht nicht erreichte und sogar viel viel viel zunahm. Die Frau in diesem Roman fixierte sich so sehr auf ihre Kilos, dass es mir beinahe weit hergeholt schien, wie man so besessen sein kann, und doch geht es anscheinend vielen Frauen so. (Lest dazu auch mein Posting Embrace: Über ein gesundes Körpergefühl)

Mein Körper und ich

Heute mache ich bei der Blogparade „Mein Körper und ich“ mit, obwohl ich die Besessenheit, die dieses Thema für manche Menschen mit sich bringt, nicht ganz nachvollziehen kann. Ein bisschen schon. Deshalb beteilige ich mich an der Blogparade von Madame Flamusse und erzähle von mir, von meinem Before-, While- und After-Baby-Body. Dafür habe ich uns gestern eine Zeitmaschine gebaut, damit wir heute den Rückwärtsgang einlegen können – Steigt ein! Los geht´s!

Erster Halt: Kindheit

Lasst uns zunächst an den Anfang reisen ins Damals, als ich Kind war. Wir schauen nur mal kurz vorbei. Damals soll ich meinen Bauch nicht so rausstrecken und nicht noch ein viertes Stück Kuchen auf den Teller packen, mehr fällt mir nicht ein, denn mit meinem Aussehen beschäftige ich mich als Kind soweit nicht. Ich halte mich für gut gelungen, hübsch vielleicht, auf jeden Fall niedlich. Ich bin immer eine der Kleinsten in meiner Altersstufe.

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Mit meinem Körper (rechts im Bild neben Oma und Schwester) bin ich zufrieden, denn er kann bei allem mithalten. Die Wäschestangen im Gartern erklimmen, über unseren Bach springen, Inline Skates fahren und auf Bäume klettern. Volleyball und Fußball spielen. Rad schlagen.

Es geht nicht darum, wie der Körper aussieht, sondern darum, was ich mit ihm machen kann. Schade eigentlich, dass darauf die Pubertät folgen musste…

Hilfe, jetzt folgt die Pubertät!

Fliegen wir weiter in die Teenie-Zeit. In der Pubertät nervt der Körper dann doch ziemlich, wie soll man es anders sagen. Die furchtbaren Haare zum Beispiel, aber auch die Statur. Ich könnte dünner sein; das bekomme ich auch von anderen Mädels gesagt. Dass ich gut aussehen würde, wenn ich nur etwas abnähme…

Es ist die Zeit, in der ich Jungs gut finde und auch gerne einen Freund hätte. Es gibt diese Mädels, die schon mit jemandem gehen. Mal hier und da küssen oder einen festen Freund haben. Ich weiß nicht, wie man einen Jungen für sich begeistern könnte. Ich bin  nicht schön genug für einen Freund, denke ich. Langweilig halt. Dass es nicht ums Aussehen geht, begreife ich damals nicht und das ist frustrierend, gehört aber in der Teeniezeit einfach dazu.

Irgendwann später läuft es dann doch ganz gut mit den Jungs – Trotz der strohigen Haare und dem Teeniespeck auf den Hüften.

Before-Baby-Body

Wir werfen kurz einen Blick aus dem Fenster der Zeitmaschine. Hier ist alles okay. Ich esse gerne und manchmal viel, aber insgesamt fühle ich mich wohl in meiner Haut. Ich fahre viel Fahrrad, spiele Volleyball und kenne meinen Körper bereits seit 24 Jahren, habe mich nie großartig verändert und besitze genug Selbstbewusstsein oder Humor, um mit dem Körper klar zu kommen. Er ist manchmal etwas dünner, dann wieder dicker. Mir fällt das nur auf Fotos auf, vor dem Spiegel finde ich mich gut. Ich werde kein Bikini-Model, das ist mir klar, aber auch nicht mein Ziel. Ich spiele in einer Theatergruppe mit und scheue mich auch nicht vor Freibadbesuchen. Schaut mich an! Ich habe kein Problem mit meinem Körper – Im Gegenteil.

While-Baby-Body

Während der Schwangerschaft habe ich die Kontrolle über meinen Körper dann verloren. Ich übergebe mich nämlich. Wieder und wieder und wieder. Und wieder und wieder. Das ist kein Leben, sondern nur überleben und ich muss sogar einige Zeit ins Krankenhaus, um aufgepeppelt zu werden. Zu Spitzenzeiten übergebe ich mich dreimal pro Stunde.

Seltsamer Weise ist diese Zeit aber jene, in der ich sehr positiv auf meinen Körper angesprochen werde. „Du hast abgenommen, oder?“ und später „Bei dir ist wirklich nur der Bauch da, alles andere ist dünn geblieben. Du siehst so gut aus!“

Mir wird bewusst, wie weit Gesundheit und ein Körper, der als gesund/schön empfunden wird, auseinander liegen können. Man nimmt meinen dünnen Körper positiv wahr, dabei könnte ich nicht ungesünder leben. Ich esse nichts und wenn doch, behalte ich es nicht bei mir. Mein Körper merkelt aus, wird dünn und ich schwach. Erschreckender Weise wäre das ohne die Schwangerschaft BULIMIE! Kein Wunder also, dass Menschen sich dieses Leid antun, wenn sie dafür positiven Zuspruch bekommen…

Woche 35

Mein Gewichtsverlauf in der Schwangerschaft sieht übrigens so aus (dokumentiert vom Frauenarzt):

6+2 = 69,4 kg
10+0 = 63,8 kg
11+5 = 59 kg
14+1 = 61 kg
18+2 = 61,2 kg
22+2 = 64,2 kg
26+2 = 66 kg
30+1 = 68,4 kg
33+1 = 70 kg
35+1 = 73 kg

Am Ende geht es mir wieder deutlich besser. Ich übergebe mich nur noch hin und wieder und lebe mit der Übelkeit. Dabei kann ich auch wieder zunehmen und mich wohler fühlen. Bei 36+4 beginnt die Geburt, deshalb endet die Dokumentation etwas eher, und ich werde von der Schwangerschaftskrankheit Hyperemesis gravidarum endlich befreit. Jippie Yeah!

After-Baby-Body

Reisen wir mit der Zeitmaschine nun zurück in die Gegenwart. Zwei Kinder später durchlebe ich mit meinem Körper eine zweite Pubertät! Kennt ihr das auch? Ich gewöhne mich nur schwer an meinen Bauch… Ja, es ist vorallem der Bauch, der sich verändert hat und wegen dem ich keinen Bikini mehr trage. Er ist blöd. Er hat viel geleistet, aber er ist trotzdem blöd.

„9 Monate kommt es, 9 Monate geht es“ sagt man zu Müttern, die gerade ein Baby bekommen haben, doch bei mir ist es nicht so. Der Bauch ist irgendwie „kaputt“. Klar, er hat zwei Babys getragen und das deutlich nach außen, wie man auf dem Foto weiter oben sehen kann. Ich liebte diesen großen Bauch sogar in der Schwangerschaft und umso gemeiner ist es sicherlich, ihn jetzt doof zu finden.

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Foto: Katja Kemnitz

Jetzt liebe ich ihn nicht mehr. Er ist leer, aber noch da. Er ist nicht mehr so groß, aber groß genug. Und meine Kinder schieben meine Tshirts hoch und lachen „Mama hat einen dicken Bauch“. Hm. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, ihn durch Sport wieder wegzutrainieren, aber bisher ist noch nichts daraus geworden. Ich will meine wenige freie Zeit nicht im Fitnessstudio verplempern (Ausrede Nummer 1). Ist es denn überhaupt schlimm, keinen Bikini mehr zu tragen? Oder sollte ich einfach trotzdem einen tragen? Ich bin ja nun nicht völlig entstellt oder so. Ich kenne den Bauch nur anders und muss mich an den neuen Bauch gewöhnen.

Mir ist dabei stets bewusst, dass es ein nichtiges Problem ist. Selbst wenn ich die Extreme wie Krieg und Hungersnot in anderen Teilen der Welt außen vor lasse, sehe ich doch viele Frauen, die schlimmer dran sind mit ihrem Körper. Ob nun durch Schwangerschaften oder einfach so. Und Männer doch auch. Was will ich denn eigentlich? An was orientiere ich mich denn, wenn ich unzufrieden bin?

Ich habe mit dem neuen Körper noch nicht ganz Frieden schließen können, doch ich finde okay, dass es dafür Zeit braucht. Und mir ist wichtig, dass ich diesen Bauch akzeptieren kann. Ich rechne ihm seine Leistung hoch an. Zwei üble Schwangerschaften, zwei lange Geburten – Er hat es überstanden und nun sind wir beide hier. Hier auf dem Stuhl vor meinem Rechner. Oder auf dem Sofa mit Chips in der Hand. Ihr kennt mich ja. Und wir freunden uns so nach und nach wieder miteinander an, aber das braucht einfach Zeit. Irgendwann kommt der Tankini sicher weg und ich gehe wieder mit Bikini schwimmen.

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Wie ist es bei euch? Habt ihr Freundschaft mit eurem neuen Körper schließen können?

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16 Kommentare zu „Blogparade „Mein Körper und ich“ und keine Waage

  1. Ein echt schöner Beitrag, vielen Dank! Ich verlinke ihn im August wenn ich alle anderen auch verlinke.
    Thema außenwahrnehmung und wie es einem wirklich geht: ich reagiere darauf manchmal inzwischen echt allergisch. Der eine findet einen ja so entspannt vom Aussehen her, der nächste mein man sehe ja so müde aus usw. Ich hasse diese Bemerkungen. Dieses Du bist…. Du siehts aus… Dir gehts…. am ende sind es eh nur Interpretationen aus dem Kontext der Person die den Spruch macht. Was ich viel schöner fände wäre eine Frage nach der Befindlichkeit – ich sehe übrigens wenn ich schlimme Migräne habe anscheinend toll aus, ah ja, Danke auch…grrrr
    Liebe Grüße

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  2. Vielen Dank. Ich habe das sehr gerne gelesen.

    Und ich kann dir nur sagen: Du bist mehr als dein Bauch. Und das ist wichtig zu erkennen. Das hast du und somit ist alles im grünen Bereich.

    Auch ich gebe viel zuviel auf das was andere von mir denken und fühle mich bewertet oder sogar beurteilt/verurteilt. Das möchte ich ändern. Ich arbeite dran. 👋

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  3. Ein köstlicher Artikel, liebe Nadine, den ich wunderbar zu lesen fand. Ich bin ja keine Mutter, aber kämpfe immer noch um Frieden mit meinem Körper – allerdings gelingt mir das immer besser, seit ich „Embrace“ gesehen habe.

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