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Zwischen Dauerfrust und Kapitulation – unsere neverending Schlafhorrorstory

Zur Nicht-Schlaferei von unserem erstgeborenen Sohn sind ziemlich viele Posts entstanden, aber tatsächlich habe ich die Dokumentation vor drei Jahren aufgegeben. Auch in der Hoffnung, dass sich das Problem vielleicht von selbst löst, wenn ich dieses Thema einfach ignoriere.
(Ha. Ha. Ha.)

Oh, was konnte ich davon nicht alles auf dem Blog berichten! Von Heilbädern bis zum Schreienlassen über Familientherapie und anderem Experimentellen…Ich bin hunderte Kilometer gefahren, um mir Ratschläge zu holen und war bei zig Beratungsstellen. Darunter die Schreiambulanz, bei einer Expertin für physiologische Entwicklungsstörungen, bei einem Musiktherapeuten, im Familientherapiezentrum von Jesper Juul, bei etlichen Fachärzt:innen und zuletzt sogar beim Kinderschutzbund.

Ich sezierte unseren Tagesablauf, hinterfragte mich selbst und suchte nach den Gründen, um eine Lösung für das Schlafproblem zu finden. Kurz gesagt: Ich hätte alles getan, um dieses Kind zum Schlafen zu bringen.

Aber: Nichts hat geholfen und [Spoiler] nichts hilft weiterhin. Unser Kind schläft einfach kacke. Seit Jahren. Und wir mit ihm, bzw. wir wegen ihm deshalb nicht.

Unsere Leidensgeschichte zusammengefasst

Nach der Geburt hatte unser Sohn einen Schlafrhythmus mit Aufwachphasen nach 20 Minuten bis zu 1,5 Stunden. Bis er c.a. 2,5 Jahre alt war, konnte man die Uhr nach seinem Geschrei stellen, da er in diesem Zeitfenster garantiert wach werden würde. Hätte er dann einfach weitergeschlafen, wäre es vielleicht nicht so ein immenses Problem geworden. Aber nein, er schrie sich wach. Er zappelte rum und kam nicht wieder zur Ruhe. Im Schnitt dauerte es 45 Minuten und länger, ihn wieder zum Schlafen zu bringen. Nur, damit sich der Mist nach 20 Minuten bis 1,5 Stunden sowieso wiederholte.

Wir haben alle möglichen Methoden und Hilfsmittel ausprobiert, nichts hat die Situation irgendwie verbessert.

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Man muss diese Zeiten nur im Kopf überschlagen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, womit wir also jahrelang beschäftigt waren. Wir sind am Stock gegangen. Und das ist noch optimistisch formuliert. Ein „richtiges“ Leben war kaum möglich, der Alltag war durch diese Art der Tage und Nächte kaum zu bewältigen. Abseits von der Übermüdung, die alle frischgebackenen Eltern in den ersten Monaten kennen, konnten wir diese Nächte kaum mit den Anforderungen eines Babys und Kleinkindes am Tage kombinieren. Unser Kind war durch seine innere Unruhe auch tagsüber kaum zu bremsen, dabei aber entsprechend überreizt und knatschig.

Nach c.a. 1,5 Jahren war es bei mir soweit, dass ich morgens vor Erschöpfung kaum noch aufstehen konnte. Jede Kleinigkeit kam mir unüberwindbar vor, beim kleinsten Anlass heulte ich entweder sofort los oder flippte total aus. Ich war ehrlich ein nervliches Wrack und hätte das Kind auch kopfüber von der Decke gehangen, wenn er so besser eingeschlafen wäre. Seitdem bin ich in Bezug auf elterlichen Leidensdruck extrem sensibilisiert und empfand die Müttercommunity damals mit ihren „gut gemeinten Ratschlägen“ (also fiesen Seitenhieben) als Salz in der Wunde. Man solle ihn doch „einfach tragen/stillen/ins Familienbett legen“, es ist doch „nur eine Phase“ und „ich könnte das ja nicht“, wenn wir wieder irgendetwas ausprobieren wollten.

Wir wechselten uns zwar ab, so gut es eben ging (mein Mann musste das Kind abends ins Bett bringen, weil ich dazu schon längst nicht mehr in der Lage war…), aber trotzdem blieb ich mit dem Kind tagsüber alleine und wusste einfach nicht, was mit ihm los war. Er war auch kein „einfaches Kind“, das sich alleine beschäftigen konnte oder überhaupt mit irgendetwas zufrieden war. Was bei vielen schlechte Phasen auf Grund von Entwicklungsschüben, Krankheiten oder Zähnen sind, war bei uns der Normalzustand. Dieses Kind war so anstrengend, tags und vor allem nachts.

Über Jahre konnte ich mir auch nicht vorstellen, wieder arbeiten zu gehen. Als er zwei Jahre alt wurde, schafften wir auch den Mittagsschlaf ab. Sonst bekamen wir ihn abends gar nicht mehr ins Bett, außerdem wollte ich mir das Einschlaftheater wenigstens an einer Stelle sparen.

Erst nach 2,5 Jahren gab es mit ihm so etwas wie „gute“ Phasen, in denen er nur noch alle 2 Stunden aufwachte und zumindest abends von 20 bis 23 Uhr länger am Stück schlief.  Eine minimale Verbesserung, aber immer noch weit entfernt von erholsamer Nachtruhe. Unlängst teilten wir uns auf und schliefen schon länger getrennt, damit wenigstens einer (in den meisten Fällen mein Mann) besser schlafen konnte (der dafür aber den ganzen Abend damit zubrachte, das Kind ins Bett zu bringen).

Meine Rettung war unser Zweitgeborener zu der Zeit (dazu aber später mehr).

Ursachensuche und Selbstzerfleischung

Ich habe also Jahre meines Lebens damit verschwendet, die Ursache für seine innere Unruhe und Schlaflosigkeit zu finden. Er litt auch regelmäßig unter dem Nachtschreck, der wie das berühmte I-Tüpfelchen auf der ganzen Horrorthematik war. Ich war angetrieben von der Hoffnung, die Probleme beseitigen zu können, wenn ich nur die Ursache finden würde. Das führte auch zu einer Menge Selbstgeißelung und Zerfleischung meiner Mutterrolle, die aber auch von den externen Beratungsstellen gerne gefüttert wurden. Schließlich hatten wir einen schweren Start miteinander.

Als Frühchen mit einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt getrennt von mir fehlte es ihm an Bindung und Urvertrauen, die ich vielleicht unfähig war, (wieder) herzustellen.

Vielleicht sind wir in unserer Erziehung zu inkonsequent mit allem, vielleicht schüren wir seine Unsicherheiten oder befeuern seine Angst loszulassen.

Vielleicht hätten wir nicht umziehen sollen, arbeiten gehen oder nicht arbeiten gehen, oder einfach nicht so egoistische Eltern sein sollen.

Vielleicht ist er ein Tyrann, vielleicht ein Muttersöhnchen. Vielleicht ein geistiger Überflieger oder ein entwicklungsverzögerter Soziopath.

Zusammengefasst: ich musste mir jede Menge Scheiße anhören.

Tatsächlich sorgte schließlich die Geburt unseres zweiten Sohnes dafür, dass sich die Lage etwas entspannte. Mein Mann wechselte in die Elternzeit und wir schulterten daraufhin die Nächte vermehrt zusammen. Er übernahm den Großen (also damals 2,5-Jährigen) nachts, ich hatte das Baby. So anstrengend das natürlich auch war, diese Aufteilung sorgte wenigstens dafür, dass ich mich nicht mehr so alleine mit allem fühlte.

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Aber hauptsächlich konnte ich für mich in der Zeit die Sorge ablegen, selbst ursächlich an irgendetwas „Schuld“ zu sein, denn der Kleine war nicht ansatzweise wie sein Bruder. Bei ihm funktionierte das „Stillen/Tragen/Familienbett“-Ding auch – außerdem schlief das Baby in jeder Kackphase tausendmal besser als sein großer Bruder, den mein Mann nun vermehrt am Hals hatte.

Auch heute hüpft der Kleine ohne Widerworte ins Bett, schläft verhältnismäßig schnell ein und geht nachts zwar auch auf Wanderschaft (schläft bei uns im Bett weiter) oder ruft uns ständig zu sich, aber bei ihm lässt sich alles wirklich auf bestimmte Entwicklungsphasen zurückführen.

Aber vielleicht ist der Kleine auch nur vernünftig genug, nicht noch einen oben draufzusetzen.

Status quo: Dauerfrust und Kapitulation

Nach wie vor haben wir totalen Ärger mit dem Großen, wenn es ums Ins-Bett-Gehen oder Schlafen geht. Irgendetwas hat er immer. Letztes Jahr im Sommer rannte er ständig aufs Klo – in einer Nacht zählte ich insgesamt 11mal, die er lautstark die Türen knallte und überall das Licht anriss. Auch da war ich mit ihm erst ständig bei den Kinderärzt:innen und dann beim Facharzt (dieses Mal Urologe), der schließlich aber keine körperliche Ursache feststellen konnte (wie alle anderen Ärzt:innen davor auch).

Zwei Jahre davor waren wir beim Kinderschutzbund, weil er abends so kreischte und brüllte, wenn er ins Bett sollte, dass wir auch nicht mehr weiter wussten. Er randalierte sogar in seinem Zimmer, wenn es auf die Schlafenszeit zuging. Deren Meinung nach müssten wir ihn nur konsequent ins Bett stecken, dann würde er diesen Aufstand schon irgendwann aufgeben. Tat er nicht. Mein Mann saß wochenlang bis vier Uhr morgens im Flur und steckte das rumlaufende Kind immer wieder zurück ins Bett.

In der Elternzeit war das vielleicht noch machbar, als wir dann aber beide arbeiten gingen, ging das natürlich nicht mehr.

Ich darauf hin bei der Beratungsstelle: „Mal ehrlich, bei so einem Widerstand, was sollen wir machen? Wir können ihn doch nicht im Zimmer einsperren?“
Die: „Nein, das sollten Sie natürlich nicht.“
Ich: „Also tun wir was?“
Die: „…“
Ich: „…“

Danke.

Und keine Sorge, ich bin nach wie vor auf Stand, was seiner Entwicklung zuträglich wäre und was nicht. Stellenweise haben wir hier trotzdem richtig Ärger mit ihm, schreien uns gegenseitig an und greifen zu drakonischen Strafen, wenn das Fass wieder übervoll ist. Wir operieren was sein Schlafverhalten angeht teilweise wirklich gegen unsere eigentlichen Erziehungsüberzeugungen, sind aber immer noch so ratlos.

Außerdem haben wir hier die Fresse voll von diesem Thema, ehrlich.

Dann – wenn wir von irgendwoher Energie kratzen konnten – sind wir wieder offen für neue Ideen und Wege, die für kurze Zeit eigentlich immer gut funktionieren. Nachstehend, was im letzten Jahr alles auf dem Programm stand:

  • Er durfte so lange wach bleiben, wie er wollte, sollte sich allerdings alleine in seinem Zimmer beschäftigen: das funktionierte wirklich über Wochen wunderbar, als er Lesen lernte. Er pendelte sich auf 23 Uhr auf. Doch dann wollte er plötzlich nichts mehr alleine machen und brüllte die Abende durch.
  • Daraufhin suchte ich mir gemeinsame Abendbeschäftigungen mit ihm, die ich abends nach einem Arbeitstag noch durchhalte: drei Runden Kartenspiel, gemeinsam eine Doku schauen, noch (ganz wenig) Vorlesen, gemeinsam ein Buch lesen, … funktionierte ebenfalls eine Weile, er ging zufrieden alleine ins Bett. Nur um plötzlich doch wieder ins Bett gebracht werden zu wollen und den totalen Stress zu machen, wenn ich meinen Soll mit ihm eigentlich als erfüllt betrachtete.
  • Also brachte ich ihn doch wieder ins Bett, zeitgleich mit dem kleinen Bruder. Doch egal, wann und wie lange ich ihm vorlas und bekuschelte, der Terror ging los, wenn ich das Licht ausmachen wollte.

Und natürlich reden wir auch mit ihm darüber, suchen gemeinsame Lösungen, erklären uns und treffen Vereinbarungen mit ihm. Funktioniert im sonstigen Familienleben normalerweise gut, nur nicht bei diesem Thema. Als würde da sein Verstand aussetzen und er einfach auf die Barrikaden gehen. Er. will. nicht. ins. Bett. PUNKT.

Manchmal lese ich ihm vor, manchmal gucken wir eine Doku, manchmal will ich meine Ruhe. Ganz nach Tagesform. Manchmal akzeptiert er es, manchmal nicht. Heute bestimme ich also situativ, worauf ich mich einlassen will und streite mich zur Not auch mit ihm darüber. Aber diese 6,5 Jahre stecken mir in den Knochen und einen Fahrplan gibt es bei ihm eh nicht. 

Im Übrigen spielt es auch keine Rolle, wann er morgens aufsteht oder wie aktiv der Tag war. Er kann ins Schwimmbad gehen, den ganzen Tag im Freizeitpark sein, Sport machen, bis abends draußen spielen. Er schläft niemals vor 22 Uhr, oft nicht vor 23 Uhr. Wenn wir ihn aufbleiben lassen, bleibt er bis 1 oder 2 Uhr nachts auf.

Mit 6,5 Jahren!

(Aber immerhin schläft er seit c.a. einem Jahr durch. Hat auch nur 5,5 Jahre gedauert…)

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Vielleicht kommt er einfach nach mir

Ich bin auch schon immer eine Schlechtschläferin gewesen und erinnere mich daran, als Kind noch nachts durchs Haus getigert zu sein, während meine Eltern bereits schliefen. Und ich war Leistungssportlerin! Also saß nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher, falls man das vermuten würde.

Mein eigener Biorhythmus hat mir also auch noch nie Freude gemacht und irgendetwas „konsequent“ durchziehen half da tatsächlich ebenfalls nicht. Selbst als ich wochenlang auf einer Werft zur Frühschicht antreten und um vier Uhr morgens aufstehen musste, konnte ich nicht vor 1 oder 2 Uhr nachts einschlafen. Egal, wie lange ich wach bin oder wie aktiv der Tag war, ich brauche lange, um einzuschlafen, wache nachts oft auf und träume eher schlecht.

Ironischerweise konnte ich genau zweimal in meinem Leben gut schlafen: als ich schwanger war. Da schlief ich wie ein Stein.

Von daher kann ich mein Kind natürlich (mittlerweile) verstehen, allerdings weiß ich auch um die Konsequenzen dieser „Eigenart“.

Bald ist er ein Schulkind. Mir graut es ehrlich vor der Einschulung im Sommer, wenn für ihn der Ernst losgeht und er trotzdem noch die Nacht zum Tag machen will. Mal sehen, zu welchen Dramablüten diese Zeit führen wird.

Deshalb bleibt das Schlafthema unsere „neverending Horrorstory“.

3 Kommentare zu „Zwischen Dauerfrust und Kapitulation – unsere neverending Schlafhorrorstory

  1. Oh weh das klingt wirklich sehr, sehr anstrengend.

    Tatsächlich bin ich auch so eine Schlecht-Schläferin. Tatsächlich hab ich nie Terror beim ins-Bett-gehen gemacht (zumindest nicht mehr als „normal“), aber einschlafen ist schwer und durchschlafen eh.

    Kann ich heute noch nur schwer. Ich kann todmüde sein und trotzdem liege ich oft stundenlang wach im Bett. Aktuell toll, weil es oft mit Baby kollidiert.

    Allerdings hat mich mein 29 Jahre währendes Schlafverhalten trainiert, sehr gut mit dem Schlafmangel dank Baby klar zu kommen 😅 müde fühle ich mich echt selten, aber meine Motte kommt auch nur brav alle 2-3 Stunden und geht meist problemlos ins Bett 😉 also nicht vergleichbar mit eurer Problematik.

    Also, ich kann euch Eltern verstehen und euren Sohn (Fun Fakt, ich kam übrigens auch zu früh. Nicht so extrem wie euer großer, aber eben doch Frühgeburt); aber auch mit diesem blöden Schlafverhalten, dass vielleicht nie endet, wird er alles meistern (Schule, Studium etc). Und diese „Schwäche“ ist auch in manchen Lebenssituationen eine Stärke 😁

    Trotzdem wünsche ich euch, dass er irgendwann zumindest seinen Frieden schließt und nicht Aggressionen und Terror ausleben muss und sogar vielleicht gut schläft!

    Alles Gute euch 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke <3! Ich hoffe das auch, also dass er sich halt irgendwie durchschlägt :-/. Ich bin eigentlich auch immer gut mit den Nachtschichten im Studium usw. klar gekommen, aber alles, was morgens zwischen 8 und 10 Uhr sein musste, war eine Qual :-D.

      Tatsächlich haben wir deshalb auch die Arbeitsteilung so geregelt, ich bin nachts mit wach gewesen, weil ich EH wach war. Und es ging erst einigermaßen wieder, als ich dann wenigstens am Wochenende mal ausschlafen und das Schlafdefizit nachholen konnten. Er hat ja auch tagsüber nicht geschlafen.

      Darf ich fragen, was dein Dayjob (also vor, neben oder nach der Babyzeit) ist? Mir wurde damals, als ich selbst zu zig Ärzten gerannt bin, nur empfohlen, irgendetwas zu arbeiten, das meinem Rhythmus entspricht. Weil sich der halt eben echt nicht verbiegen lässt.

      Hätte ich das gewusst, als er noch so klein war, hätte ich diese ganzen Versuche nicht gemacht. Aber damals ging ich tatsächlich davon aus, dass er irgendein gesundheitliches Problem hat.

      Alles Gute auch für euch und dass sich die einigermaßen guten Schlafphasen deines Babys halten :)!
      Liebe Grüße

      Liken

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