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chutriel 2.0 – fünf Jahre älter und kein bisschen weiser

Fünf Jahre nach der ersten Vorstellungsrunde wage ich mich auch an ein Update. Einige Dinge sind geblieben, das Meiste hat sich verändert. Aber lest selbst, noch einmal von Anfang an.

Ein Kind zu bekommen und trotzdem Karriere zu machen, das ist nach wie vor ein ehrgeiziges Ziel. Ich wollte immer beides. Als passionierte Sozialwissenschaftlerin die Karriere in der Forschung jetzt, das Kind irgendwann. Doch dann kam mein Mann und mit ihm sein sehnlichster Wunsch nach einem Kind.

Vor der Geburt meiner Nichte hatte ich mit Kindern gar nichts am Hut, denn sie mochten mich nicht und ich habe sie gemieden, wo es nur ging. Dennoch warf ich alle Selbstzweifel über Bord und glaubte seiner fröhlichen Zuversicht, ich würde das Kind im wahrsten Sinne schon schaukeln.

Im Herzen (Katastrophen-)Soziologin, war ich schließlich doch auch neugierig und habe den Versuch gewagt, ein Kind zu bekommen und meine Berufswünsche dabei nicht aufzugeben. Aus der (Gender-)Theorie kannte ich alle Probleme und Schwierigkeiten, die nun für mich alsbald Realität wurden.

Unfähig, mein Kind bis zum Schluss aus zu tragen – bei einer Frühgeburt in der 34.SSW und einem vierwöchigen Klinikaufenthalt blieb sogar mir (sonst rechthaberisch bis in die Haarspitzen) ein „Siehste! Habe ich doch gesagt, ich kann das nicht!“ im Hals stecken – stolperte ich schon mit Sichtbarwerden der beiden verhängnisvollen Strichen auf dem Schwangerschaftstest von einem Stress in den nächsten.

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Auf der Neo-Intensivstation nach dem Kaiserschnitt 2013.

Während der Schwangerschaft verlor mein Mann seine Arbeit und ich erkannte, dass es mit der Vereinbarkeit von meinen Karriereplänen in der Wissenschaft und der Familie nicht so durchsetzbar war. Ich kriegte weder das Kind noch die Doktorarbeit in den Griff.

Also packte ich meine sieben Sachen (naja, mit Kind sind das ein paar mehr), gab meinen Promotionswunsch vorerst auf und folgte dem neuen Job meines Mannes in ein anderes Bundesland.

Dort steckte ich plötzlich genau da, wo ich nie sein wollte: im traditionellen Ein-Ernährer-Modell, und zwar auf der Seite hinter dem Wickeltisch. Es dauerte ein weiteres Kind und zwei weitere Umzüge, bis ich meine Berufspläne wieder aufnehmen konnte und zurück in der Wissenschaft tatsächlich noch promovierte.

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Schwanger mit dem zweiten Kind 2015.

Im Übrigen tauschten wir beim Zweitgeborenen für einige Monate die Seiten, um festzustellen, dass er als Hausmann genauso wenig glücklich wurde wie ich in meiner Elternzeit.

Ich – das ist eine Gewohnheitspessimistin Anfang (eher Mitte) 30, mit einem Magister in Soziologie, Allgemeiner und Vergleichender Sprachwissenschaft und Literatur- und Medienwissenschaften, die nach vielen gescheiterten Versuchen in diesem Jahr endlich ihre Doktorarbeit in der Versorgungsforschung einreichen konnte.

Die Kinder

Das erstgeborene Frühchen hat mir fünf Jahre ausschließlich Sorgen bereitet. Alles mit ihm war ein Kampf: Schlafen, Füttern, Trockenwerden, … nichts konnte man ihm Recht machen und ich war jahrelang überzeugt, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Anpassungsstörung? Regulationsstörung? Nachfolgen der Frühgeburt? Konnte ich deshalb nicht stillen? Hatten wir deshalb Bindungsprobleme?

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In der Kinderklinik 2013.

Aber nein, das Kind ist vollkommen normal, aus dem schwer zu handelnden Baby und Kleinstkind wurde ein tolles Kindergarten- und jetzt mit sechs großartiges Vorschulkind. Er ist clever, selbstständig, kreativ und ein nächtlicher Philosoph mit Hang zur Dramatik.

Geschlagen mit einer Hausstaub- und Pollenallergie leidet er auch noch unter Neurodermitis. Damit ist er ein zu mir passender Nerd und Stubenhocker, der Geschichten schreibt, am liebsten zeichnet und überall niesen muss. Wir stehen uns jetzt näher, als durch die ersten schweren Jahre zu erwarten war.

Allerdings wurde ich mit der zweiten Schwangerschaft wirklich auch in vielerlei Hinsicht entspannter und problematisierte nicht mehr so viel.

April 2018
April 2018.

Der Zweitgeborene relativierte außerdem so ziemlich alles, was ich dachte, durch das erste Kind begriffen zu haben. Die Geburt war traumhaft und er war ein super fröhliches Baby. Stillen konnte ich aber immer noch nicht ohne Probleme.

Bei ihm war ich davon überzeugt, dass alles in Ordnung war, doch die Ärzte waren anderer Meinung und diagnostizierten eine hochgradige Schwerhörigkeit.

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In der Pädaudiologie einer Uniklinik 2016.

Die ersten Lebensjahre waren wir also mit seiner Versorgung und Frühförderung beschäftigt. Hörtests beim HNO, der Hörgeräteakustik und in der Pädaudiologie, zudem eng überwachte Sprachentwicklung. Dazu lernte ich mit ihm rudimentäre Gebärden. Unsere Beziehung war eng, die Kommunikation lief total reibungslos und manchmal nur anhand seiner Mimik. Je älter er wurde, je besser er sprechen lernte, um so klarer wurde: das Kind kann hören. Will nur nicht.

Aus dem entspannten Baby und Kleinkind, das echt viel mitmachen musste und alles mit guter Laune und viel Charme erduldete, ist mittlerweile ein wankelmütiges Kindergartenkind mit empfindlichen Gemüt geworden. Von seinen Erzieherinnen wird er als „kernig“ bezeichnet, er ist laut, sturköpfig und ziemlich wild. Aber gleichzeitig sehr ängstlich, total sensibel und unsicher. Entweder macht er Quatsch und ist der lustigste Zeitgenosse der Welt oder er ist ein übellauniger und weinerlicher Despot, der uns alle mit der Knute regiert. Wir nennen ihn nur „den Alpha“, der hier das komplette Kommando inne hat.

Mittlerweile ist er ein totales Papa-Kind und ich darf mich oft hinten anstellen.

So anstrengend der Alltag mit ihm und seinen Schnapsideen sein kann (seine Stimme klingt auch wirklich nach Kettenraucher und Whiskeyliebhaber), so unkompliziert ist er in allen Meilensteinen und Entwicklungsschritten. Mit ihm kam erst der Spaß und reichlich Action in unsere Familie.

Immer für Quatsch zu haben.

Unser Erziehungsstil

Unseren Erziehungsstil würde ich als „Fail Forward“ beschreiben. Nach bindungsorientiert, autoritativ und demokratisch – die alle in der Theorie nett klangen, aber in der Praxis entweder nur für Situation A, Kind B oder Elter C (in verschiedenen Kombinationen) funktionierten – scheitern wir also jetzt bewusst und aus Gewohnheit.

Aber immerhin lernen wir daraus und machen es dann folgend anders. Selten besser, aber wenigstens anders.

Bei dem Tempo, den das Leben hat, finde ich mittlerweile alle Strategien gut, die möglichst wenig Aufwand bedeuten. Aber bewundere alle, die da mit mehr Energie und Überzeugung unterwegs sind – denn ich weiß nach sechs Jahren Mutterschaft immer noch nicht, was ich da tue.

Die meiste Zeit sind wir eh damit beschäftigt, unseren Alltag und unser Leben auf die Reihe zu bekommen, da ist der Rest quasi die Kür. Aber unsere Kinder sind ziemlich robust.

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Im April 2019.

Unsere Pläne

Wie es nach hoffentlich bestandener Verteidigung und mit endlich erhaltenem Doktortitel weitergeht? Keine Ahnung, ich habe ehrlich keine weiteren Pläne gemacht, weil ich nicht damit gerechnet habe, soweit zu kommen. Ich habe weder einen Folgevertrag an meinem Institut, noch eine Idee, wo ich außerhalb der Wissenschaft arbeiten könnte. Oder arbeiten wollte.

Als #workingmum bin ich in beiden Lebensbereichen also eher mäßig erfolgreich. Ich versuche es aber trotzdem hartnäckig weiter – aus Prinzip und für meine Rentenpunkte.

Mit der Einschulung vom Erstgeborenen werden die Betreuungskarten nächstes Jahr sowieso neu gemischt und ich sehe jetzt schon allerhand Katastrophen auf uns zu kommen (ich kann halt nicht aus meiner Haut).

Aber wir sorgen auch schon alleine dafür, dass uns nicht langweilig wird…denn nach zwei Häusern, die wir saniert und renoviert haben, insgesamt vier Umzügen, einer geschriebenen Doktorarbeit und allen möglichen Kreativ-Projekten, baut der Mann jetzt einen VW-Bus zu einem Camper um. Damit werden wir nächstes Jahr mehr entspannte Familienzeit verbringen.

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2019 im Hansapark

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