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Wie es wirklich ist…mit Gewalt erzogen worden zu sein

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, das sagt das Bürgerliche Gesetzbuch unter dem Paragraphen 1631 Abs. 2. Eingeführt wurde dieser Paragraph jedoch erst im Jahre 2000. Vorher war die körperliche Züchtigung eines Kindes durch die Eltern erlaubt und gesellschaftlich größtenteils geduldet.Meine Kindheit liegt heute weit mehr als diese 18 Jahre rechtlicher Klarheit zurück. Ich bin Erwachsen, stehe mit beiden Beinen im Leben, habe Haus, Mann und ein Kind, welches ich erziehen muss.

Woran ich mich erinnere
Ich war ein artiges Kind, Einser-Schülerin vom ersten Tag an. Ich lernte freiwillig ein Instrument. Ab der 5. Klasse machte Leichtathletik im Verein und sang Sopran im Frauenchor unserer Stadt. Trotz dessen, dass ich mich rückblickend als relativ unproblematisch sehe, war meine gesamte Kindheit geprägt von Kälte, Aggression und Gewalt.
Prügel bekam ich, für die belanglosesten Dinge. Meistens aus dem Nichts und ohne jemals eine Erklärung zu erhalten. Viele der Situationen, in denen ich Gewalt erfahren habe schweben mir noch heute deutlich vor meinem geistigen Auge. Ich wurde geschlagen, getreten, gewürgt und beleidigt. Die Gewalt ging ausschließlich von meinem Vater aus. Meine Mutter schwieg und schaute weg. Ob aus Angst vor meinem Vater oder weil körperliche Erziehung „normal“ war, weiß ich nicht.Ich war Einzelkind und alle anderen Kinder fanden meinen Vater toll, niemand glaubte mir, wie er wirklich war. Er machte immer Witze und fuhr schicke Autos. Mir fehlte es nie an etwas. Wir verreisten in ferne Länder, ich hatte als Erste in meiner Klasse eine Spielekonsole, einen PC, das erste Handy. Materiell konnte es mir nicht besser gehen. Doch emotional erinnere ich mich an nichts. Keine Umarmungen, kein „Hab dich lieb“. Stattdessen lebte ich in ständiger Angst, irgendeinen dummen Fehler zu begehen, der mir wieder Schläge einbringen würde. Als ich das Erste mal in meinem Leben eine schlechte Note erhielt (eine 5 in Geschichte, weil ich nicht gelernt hatte), weinte ich den restlichen Schultag und den gesamten Heimweg lang aus Angst was mich erwarten würde.

Meines Vaters Tochter
Heute bin ich selber Mutter. Wie liebevolle Erziehung geht, habe ich nie gelernt. Ich tue mein Bestes aber viel zu oft erkenne ich meinen Vater in meinem eigenen Verhalten wieder. Ich schlage mein Kind nicht, weil ich weiß was es anrichtet. Wie es sich anfühlt, diese Hilfslosigkeit. Der seelische Schmerz, der so viel schlimmer ist als der Körperliche.
Wenn ich wütend werde, über das Fehlverhalten meines Kindes, dann sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge. Wie er auf mich zugerast kommt mit erhobener Hand. Und ich hasse mich selbst dafür, dass ich es nicht abstellen kann. Dass ich diese Agressionen in mir selbst aufkeimen spüre und sie zu überwinden so viel Kraft und Selbstbeherrschung kostet. Ich kämpfe jeden Tag darum, dass mein Kind die Momente, in denen ich die Beherrschung verliere nicht als einzige Erinnerungen behält. Ich entschuldige mich für mein Fehlverhalten und versuche zu erklären was mich wütend gemacht hat. Meistens ist es jedoch meine eigene Schuld, meine eigene Ungeduld, die mich hochkochen lässt und dann komme ich mir dumm vor und unfähig.Ich will besser sein als sie – sie die mich erzogen haben. Nicht nur als mein Vater, sondern auch als meine Mutter, die nie für mich eingestanden hat. Ich will nicht, dass mein Kind mit dieser Verachtung auf mich zurückblickt, die ich heute verspüre. Trotzdem liebe ich meine Eltern. Und das ist für mich das Schlimmste.

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