Allgemein · tabuthemen

Wie es wirklich ist…mit Missbrauchserfahrung Mutter zu sein.

Ich möchte mit einer großen Triggerwarnung starten und gleichzeitig die Gültigkeit des Beitrags einschränken. Hier befasse ich mich mit meiner Erfahrung, meinen Strategien und meinem Leben. Keine Erfahrung von Missbrauch gleicht der anderen, in diesem Bereich kann nicht gewertet werden, jede betroffene Person geht anders damit um, jedes Leben wird anders beeinflusst.
Um dem Thema im Rahmen dieser Reihe wirklich gerecht zu werden, möchte ich offen sprechen. Das kann unter Umständen verstörend sein und triggernd wirken. Fühlt euch bitte frei, das Lesen zu unterbrechen oder zu beenden.

Ergänzend kommen jetzt einige Links mit Hilfestellen, die ihr in Anspruch nehmen dürft, wenn es euch beim Lesen schlechter geht oder es euch belastet:
https://nina-info.de/hilfetelefon.html – Hilfetelefon Sexueller Missbrauch
https://www.wildwasser.de/info-und-hilfe/beratungsstellen-vor-ort/ – Hilfestellen vor Ort bei sexueller Gewalt
https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html – Allgemeines Hilfeportal Sexueller Missbrauch
https://www.telefonseelsorge.de/ – Hilfetelefon, wenn es euch allgemein schlecht geht

 

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Bevor ich Mutter wurde, war ich in Therapie

Konkret: Ich war es auch dann noch, als meine Kinder bereits auf der Welt waren, aber die meisten großen Baustellen hatte ich vorher mühsam abgearbeitet, aufgearbeitet, freigelegt und geordnet. Ohne diese therapeutische Begleitung hatte ich zuviel Angst vor mir selbst und dem, was ich vielleicht aus meiner eigenen Kindheit mitgetragen habe.

Ein Teil davon, mit dem ich mich erst spät befasst habe, war der sexuelle Missbrauch. Dass meine Erlebnisse überhaupt so genannt werden, wurde mir erst mit 14 Jahren klar und es hat bis Mitte 20 gedauert, mich diesen Erinnerungen offen zu stellen. Jetzt, mit Anfang dreißig, bin ich sortiert genug, um darüber zu schreiben und es als Teil meiner Biografie anzuerkennen. Gleichzeitig bin ich noch immer verunsichert, ob es auch „schlimm genug“ war. Was man in den Medien liest und hört, klingt alles viel schlimmer. Es war ein weiter Weg, mir das Recht zuzugestehen, im Kontext von sexuellem Missbrauch über meine Vergangenheit zu sprechen. Das hat auch damit zu tun, dass es mir ging, wie vielen Überlebenden: Wenn wir unser Geheimnis das erste Mal offen legen, sind Kommentare wie „Na, dann wolltest du es doch auch irgendwie“, „So etwas ist mir auch passiert und ich jammere nicht darüber“, „Mit so einer Geschichte wird dich eh keiner ernst nehmen“ oder „Denk doch mal, was so eine Beschuldigung mit dem Leben der*des Täter*in macht“ völlig normal. Und es ist so leicht, sie zu übernehmen. Zu denken, man sei selbst schuld oder man ordne das falsch ein.

Mir geht es in diesem Beitrag aber nicht darum, weitere Aufarbeitung zu leisten. Inzwischen kommen meine Kinder und gerade meine Tochter in ein Alter, in dem der Missbrauch aus anderer Perspektive für mich greifbar wird. Diese inneren Vorgänge möchte ich euch skizzieren.

Ganz zu Anfang hatte ich Sorge, ich könne meinen Kindern das Gleiche antun.

Überzeugt davon, kein besonders guter Mensch zu sein, aber auch weil ich ja noch keine eigenen Kinder hatte. Kommen die Erfahrungen in Situationen durch, die nur innerhalb einer Familie typisch sind? Habe ich die Übergriffe so verinnerlicht, dass ich gar nicht anders kann, als genauso zu handeln?
Diese Ängste habe ich früh in meiner Therapie thematisiert und auch mein enges Umfeld für meine Sorge sensibilisiert. Ich fühlte mich, als brauche ich da eine ganz starke Kontrollinstanz und habe mir selbst nicht getraut – und war umso erleichterter, als sich keine einzige meiner Befürchtungen bestätigt hat.

Ich bin keine Täterin, nur weil ich ein Opfer war.

Die nächste Sorge galt meinem Umfeld. Würde ich Generalverdacht erheben? Steht zukünftig jeder, der sich meinen Kindern alleine nähert, unter besonderer Beobachtung? Kann ich gerade den Bezugspersonen vertrauen? Meiner wichtigsten Coping-Strategie folgend, begann ich zu recherchieren. Fand raus, dass Pädophilie und Missbrauch nicht immer gekoppelt sind. Dass sexueller Missbrauch viel damit zu tun hat, Macht auszuüben. Dass er häufig im familiären Umfeld stattfindet.
Aber obwohl mich meine Recherche ruhiger macht, denke ich, dass ich an diesem Punkt vorsichtiger bin, als Menschen ohne diese Erfahrung. Ein Missbrauch ist für mich keine hypothetische Gefahr. Er ist erlebte Realität. Ich weiß, was er mit mir gemacht hat und ich habe mich mit genug Betroffenen unterhalten um zu wissen, was die Täter*innen Ihnen angetan haben. Wie es sich anfühlt, nicht ernst genommen zu werden. Erst gar nicht zu wissen, weshalb man um Hilfe rufen sollte oder wen. Das Vertrauen in sich und die eigenen Grenzen zu verlieren, in die Macht der Personen, die schützen sollen.
Ich bekomme den Verdacht nicht ganz aus dem Kopf. Völlig gleich, wie sehr ich einer Person vertraue: Er schwingt mit. Ich lasse keine Panik zu, weil es uns alle irrational einschränken würde. Weil ich reflektiert bin. Aber enge Freunde müssen die Fragen aushalten, die das Thema berühren. Sie müssen mein Misstrauen aushalten.

Auch im direkten Umgang mit den Kinden bin ich vorsichtig. Ihre Körper zu berühren oder sie an bestimmten Stellen – nicht nur dem Genitalbereich –  zu säubern, hat für mich einen besonderen Stellenwert. Ich muss bewusst darüber nachdenken, welche Teile ich berühren darf und möchte und welche nicht. Reflektieren, warum das so ist, um es auch ihnen erklären zu können. Mit meinen Kindern lerne ich auch meine Grenzen kennen, indem ich auf ihre achte. Ihnen zu sagen, welche Stellen nur ihnen gehören, welche Stellen auch ich nicht anfassen möchte, hilft mir, das zum ersten Mal auch für mich zu klären. Es gibt auch mir neues Körperbewusstsein und wo ich vorher in zwischenmenschlichen Beziehungen körperliche Annäherung nie ablehnen konnte, kann auch ich immer klarer „Nein“ sagen.

Ich hasse es, wenn die persönlichen Grenzen meiner Kinder von erwachsenen Bezugspersonen überschritten werden.

Ich versuche, ihr „Nein“ zu verstärken, weil ich dieses „Nein“ lange selbst kaum äußern konnte. Es fällt mir immer noch schwer, auch wenn ich besser werde. Ich beobachte sie genau, um ihren Widerspruch in ihren Gesichtern zu erkennen, in der Körperhaltung und der Stimmlage.
Das ist ein Dilemma: Ich würde gerne stärker für meineKinder eintreten, aber ich lerne die Grenzen erst. Ich orientiere mich an ihrem Nein, obwohl ich weiß, dass ich als Kind meine Grenzen nicht deutlich formulieren konnte. Oft genug, weil ich gar nicht wusste, wo sie sind. „Normal“ ist in meiner Welt verzerrt. Richtlinien und Empfehlungen sind deshalb mein Gerüst.

Überhaupt hilft mir externes Wissen sehr. Ich versuche, meine Kinder gerade in den Themen Selbstwahrnehmung, Selbstbestimmung, aber auch frühe Aufklärung bewusst zu stärken. Weil ich sie selbst oft nicht werde schützen können, versuche ich ihnen alles Rüstzeug mitzugeben, damit sie ihre Grenzen kennen und gleichzeitig Freude an ihren Körpern haben. Sie sollen sich spüren dürfen aber auch wissen, dass das ihnen gehört. Dass ihnen diese Körperlichkeit niemand aufdrängen darf. Ich sensibilisiere sie gleichzeitig für Machtgefälle: Nähe ist kein Druckmittel. Es ist nichts, bei dem man sich schlecht fühlen sollte, auch wenn man sie nicht möchte. Es ist etwas für Personen, die in der Lage sind, sich bewusst dazu zu äußern und es gibt klare Grenzen, auch für meine Kinder. Ein Nein ist ein Nein. Jüngere Kinder werden nicht in Körperspiele einbezogen. Es werden keine Bedingungen an diese Spiele geknüpft („Sonst bist du nicht mehr mein Freund…“). Sobald sich jemand unwohl fühlt, hört das Spiel auf. Ein schlechtes Gefühl zu verraten ist erlaubt und ist kein Petzen und so weiter und sofort.
Es gelingt mir ganz gut, da kompetenter Ansprechpartner und echte Vertrauensperson zu sein aber auch hier spüre ich sehr genau nach Grenzen.

Meine Kinder sollen über nichts mit mir sprechen müssen, weil sie sich verpflichtet fühlen, obwohl sie es eigentlich nur mit ihren Freunden teilen wollen.

Gleichzeitig möchte ich ihnen das Vertrauen in die Menschen in ihrer Umgebung nicht nehmen. Sie sollen sich geborgen und geschützt fühlen, nicht verängstigt. Ich wünsche mir sehr, dass sie daraus Stärke ziehen können.

Meine Geschichte ist insofern nicht zeitungswürdig, weil das Drama fehlt. Kein Gerichtsverfahren, obwohl ich darüber nachgedacht habe. Meinen Zorn über den Täter habe ich aufgearbeitet und lebe mit reichlich Enttäuschung, die mich weniger zerstört und sich richtig anfühlt. Ich kann über meine Vergangenheit sprechen.
Aber ich weiß noch nicht, ob ich sie meinen Kindern irgendwann  mitteile. Sicher nicht jedes Detail, auch nicht, wenn sie älter sind. Die Details sind für das, was mit mir dadurch geschehen ist, nicht wichtig.
Vermutlich halte ich mich weiter an das, wie es auch jetzt ist: Wenn jemand fragt, antworte ich.  Aber es soll keine Wellen schlagen. Diesen Einfluss auf die Menschen um mich hat der Täter nicht verdient. Es genügt, dass er so viel Macht über mich hatte. Weitere werde ich ihm nicht mehr geben.

2 Kommentare zu „Wie es wirklich ist…mit Missbrauchserfahrung Mutter zu sein.

  1. Liebe Lerche,

    ich selber bin das Kind einer missbrauchten Mutter. Ich hab immer gemerkt, dass da irgendwas mit meiner Mutter einfach nicht stimmt, sie war in allen Themen, vorallem sexuell, besonders offen. So richtig offen einfach. Und das war mir immer sehr suspekt. Der Unterschied ist aber, dass sie bis ich 16 war nie eine Therapie begonnen hat. Also erst mit 37/38. Natürlich hab ich ihre Wandlung dadurch aktiv mit bekommen. Irgendwann hat Sie mir dann erzählt, was passiert ist und welche Täter es waren. Ich musste feststellen, dass einer der Täter bis ich 14 war mit uns gewohnt hat. In unserem Haus, mit 3 Kindern. Sie hat wohl alles so sehr ignoriert, dass es ihr „egal“ war. (Egal wahrscheinlich nicht, aber ich denke sie war hilflos)

    Es war mein Uropa, der Sie, sowie ihre Brüder sexuell missbraucht hat. Ich war traurig über das, was sie erlebt hat. Und wütend. Wütend darüber, dass sie uns viele Jahre mit einem der Täter in einem Haus gelassen hat. Dieser Gefahr, der wir ausgesetzt waren. Mir hat er zum Glück nie etwas getan. Bei meinen Geschwistern weiß ich es nicht. Deshalb finde ich deine Vorsicht überhaupt nicht „übertrieben“.

    Ich denke, du wirst das richtige tun. Vorallem einfach, weil du deine Therapien frühzeitig angegangen bist.

    Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt und ganz viel Kraft, das Erlebte weiter zu verarbeiten.

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    1. Es ist schrecklich, dass du diese Erfahrung machen musstest. Die sexuelle Grenzenlosigkeit kenne ich auch aus meiner eigenen Kindheit und bemühe mich sehr, bei meinen Kindern da ein sensibleres Maß zu finden.

      Wie dieser Missbrauch ganze Familien lähmt, ist dramatisch. Ich hoffe, ihr seid in eurer Aufarbeitung weiter gekommen oder kommt es auch jetzt noch.

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