Kinderwunsch · Schwangerschaft · tabuthemen

Wie es wirklich ist … mit unerfülltem Wunsch nach einem zweiten Kind

Heute berichtet Gastautorin Kathi in unserer „Wie es wirklich ist…“-Reihe, warum und wie sie mit dem unerfüllten Wunsch nach einem zweiten Kind lebt.

Hallo!
Mein Name ist Kathi, ich bin jetzt 34 Jahre alt und Mutter einer 5-jährigen Tochter.
Dies ist die Geschichte, wie und warum ich den Wunsch nach einem 2. Kind ad acta gelegt habe.

Mein Mann und ich haben einen klassischen spießigen Lebensweg hinter uns (kennengelernt 2006, zusammen gezogen 2009, geheiratet 2011, Kind 2014) und sind wirklich glücklich damit. Meine erste Schwangerschaft war ein Traum und verlief problemlos, ich konnte sie wirklich genießen.

Nach der dramatischen Geburt unserer Tochter (leider musste sie per Notsectio geholt werden), konnten wir uns lange nicht vorstellen, ein weiteres Kind zu bekommen. Aber bei mir wuchs der Wunsch dann so langsam, als unsere Maus 2 Jahre alt war. Nach vielen Gesprächen mit meinem Mann, der das alles anfangs nicht nochmal auf sich nehmen wollte, haben wir uns dann im Sommer 2016 gemeinsam dazu entschieden, nochmal schwanger zu werden. Es klappte auch relativ schnell, im Oktober 2016 hielt ich dann schon einen positiven Test in Händen; über den ich mich aber nicht wirklich freuen konnte. Ich hatte nämlich seit 2 Wochen mit Blutungen zu kämpfen, die trotz Besuch beim Frauenarzt nicht nachgelassen hatten. So fuhren wir ins Krankenhaus, wo erstmal eine „gestörte Schwangerschaft“ festgestellt wurde, mit Verdacht auf septischen Abort. Ich war sehr traurig, aber hatte noch ein Fünkchen Hoffnung. Nach einer Nacht im Krankenhaus, mit sehr starken Schmerzen, wurde am nächsten Tag eine offizielle Diagnose gestellt: Eileiterschwangerschaft. Ich musste sofort operiert werden. Danach war ich am Boden zerstört. Obwohl ich ja eigentlich gar nicht wirklich schwanger war, war es für mich ein Verlust, den ich erst verarbeiten musste.

Nach einigen Monaten und vielen Gesprächen mit meinem Mann wollten wir es dann trotz dieses Rückschlags ein weiteres Mal versuchen. Mein Mann war da schon etwas verhaltener, für ihn standen die Angst und das Risiko, mich nochmal im Krankenhaus zu sehen, im Vordergrund, aber dennoch war er bereit, diese Ängste zu überwinden.

Im April 2017 war es dann soweit und ich hab wieder positiv getestet. Die Freude war groß, aber auch etwas verhalten; da das Risiko für eine weitere Eileiterschwangerschaft erhöht war. Mein Eileiter wurde bei der Operation erhalten und daher war er anfälliger für eine erneue ELSS.

Mit meinem Frauenarzt war vereinbart, dass ich schon etwas früher den ersten Termin wahrnehmen würde, um abzuklären, ob sich das Embryo richtig eingenistet hat.

Als dieser Termin positiv verlief und ich Bescheid bekam, dass mein Baby in der Gebärmutter sitzt, war ich unendlich erleichtert und glücklich! Ab da konnte ich mich uneingeschränkt freuen und auch mein Mann war aus dem Häuschen und wollte am liebsten der ganzen Welt schon Bescheid sagen.

Der nächste offizielle Termin sollte dann 2 Wochen später stattfinden, der erste Ultraschall, bei dem auch mein Mann dabei sein konnte. Da würde ich in der 8. Woche sein. Leider verlief dieser Termin alles andere als positiv. Als der Arzt immer ruhiger wurde und lange schallte, bekam ich schon ein ungutes Gefühl; als er mich fragte: “In welcher Woche sollten Sie jetzt sein?“, war ich fast sprachlos. Er meinte, das Embryo hätte sich leider nicht mehr weiter entwickelt, es gäbe keinen Herzschlag. Diagnose: Missed Abort.

In diesem Moment brach eine ganze Welt für mich zusammen. Nach allem, was wir erlebt hatten, nun noch ein Rückschlag? Ich konnte es nicht fassen. Es hatte doch alles so gut ausgesehen, wir hatten endlich Grund zur Hoffnung gehabt. Der Ärzte- und Krankenhaus-Marathon stand mir da erst bevor – ich konnte den Abgang auf eigenen Wunsch medikamentös einleiten lassen (ich wollte nach der Laparoskopie nicht schon wieder eine OP, also keine Ausschabung), was aber leider einige Tage dauerte. Mein hcg-Wert fiel auch viel zu langsam, weshalb ich noch für längere Zeit Nachkontrollen über mich ergehen lassen musste, zusätzlich zur psychischen Belastung, die das alles für mich bedeutete.

Für unsere Beziehung war das eine enorme Belastungsprobe. Mein Mann, der nun schon mehrmals mitansehen musste, wie es mir so schlecht ging, wollte es nicht mehr weiter versuchen. Für ihn war das Risiko für einen weiteren Rückschlag zu groß. Ich musste mich erst sammeln, alles für mich verarbeiten, merkte aber schnell, dass der Wunsch nach einem zweiten Kind immer noch da war. So vergingen einige Monate, es gab unzählige (Streit-)Gespräche und wir hatten viel miteinander zu kämpfen. Wir hatten ja schon eine gesunde Tochter und waren glücklich, aber ich konnte nicht mit dem Kinderwunsch abschließen, vielleicht gerade weil uns so viele Steine in den Weg gelegt wurden.

Also entschieden wir uns gemeinsam, es noch ein weiteres Mal zu versuchen. Für meinen Mann war klar: „Ein Mal noch!“ und auch wenn dies nicht die erwünschte Bedingung war, so war es für mich doch eine Chance auf unser Familienglück. Aller guten Dinge sind 3, so viel Pech würden wir ja nicht haben. Also ging ich positiv an die Sache heran.

Es dauerte wieder ein paar Übungszyklen, doch dann durfte ich, kurz vor Weihnachten 2017, 7 Monate nach der Fehlgeburt, wieder positiv testen. Die Freude war nach all den negativen Erfahrungen anfangs leider getrübt. Wir entschieden gemeinsam, niemanden einzuweihen, bevor wir eine weitere ELSS ausschließen könnten, und haben es auch über die Weihnachtsfeiertage gut verheimlichen können.

Den ersten US-Termin hatte ich schon vereinbart, dazu kam es aber gar nicht mehr. 2 Tage vorher hatte ich abends Unterleibsschmerzen, die ich zuerst auf das üppige Weihnachtsessen geschoben habe. Als dann aber eine Blutung dazu kam, hatte ich gleich wieder eine dunkle Ahnung, die sich dann kurz darauf beim Frauenarzt bestätigte: Eileiterschwangerschaft.

Es war wieder der gleiche Eileiter betroffen und diesmal wurde mir geraten, ihn ganz entfernen zu lassen.

Ich wurde noch am selben Tag operiert und dies war zumindest der körperliche Abschluss meiner Kinderwunsch-Geschichte.

Es war unser letzter Versuch und der war leider fehl geschlagen. Das Schicksal hatte es nicht gut mit uns gemeint.

Gastautorin 1

Natürlich hab ich viel mit meinem Mann geredet, natürlich war der Wunsch nach einem weiteren Kind immer noch in meinem Herzen, natürlich hatte ich monatelang damit zu kämpfen, dass es das nun gewesen sein sollte. Aber ein Kind zu zeugen sollte im Idealfall eine gemeinsame Entscheidung sein und ich respektiere die Ängste und Sorgen meines Mannes. Ich kann ihm nicht vorwerfen, dass er es nicht versucht hätte, oder dass er es weniger wollte als ich – er war nur nicht mehr bereit, das Schicksal herauszufordern, und ehrlich gesagt kann ich ihm das auch nicht übel nehmen. Nach allem, was wir erlebt haben, ist der Weg für uns an dieser Stelle zu Ende.

Ja, ich hatte mir eine vierköpfige Familie gewünscht und ja, ich hatte mir unser Leben anders vorgestellt und erträumt. Aber es kommt nun mal manchmal anders als man denkt.

Auch heute, fast 2 Jahre nach dieser Entscheidung, ist das Thema immer noch präsent. In meinem Umfeld habe ich fast nur 2-Kind-Mütter, ich werde zwar mittlerweile nicht mehr so oft nach einem Geschwisterchen für unsere Tochter gefragt, aber dennoch werde ich darauf angesprochen; ich wäre ja noch jung und könne es mir noch überlegen.

Es war ein langer Weg für mich, voller verschiedener Emotionen (Wut, Trauer, Resignation, Enttäuschung), aber heute kann ich sagen:

Ich habe Frieden mit unserer Entscheidung geschlossen.

Ich liebe meinen Mann, und ich liebe unsere Tochter – sie ist für mich das allerwichtigste auf dieser Welt. Und ich will für sie da sein, die Zeit mit ihr bewusst erleben und genießen.

Ich will nicht in „Was wäre wenn“-Phantasien leben und einer hypothetischen Familie nachtrauern, ich lebe jetzt und habe das Glück, eine tolle Familie zu haben.

Der Wunsch nach einem weiteren Kind wird für mich unabgeschlossen bleiben, er ist und bleibt Teil meines Lebens, meiner Geschichte, er wird immer in meinem Herzen sitzen und mich immer begleiten. Wichtig ist, damit umgehen zu lernen; und auch das wird mich lebenslang begleiten.

Mir ist bewusst, dass meine Tochter eines Tages nachfragen wird, warum sie keine Geschwister hat. Allerdings ist es für mich jetzt in diesem Alter zu früh, ihr zu erklären, dass wir uns ein Geschwisterchen gewünscht hätten und es sogar mehrfach versucht hatten – sie soll nicht mit dem Gedanken aufwachsen, dass sich ihre Eltern unvollständig fühlen und sich mit ihr als Einzelkind abfinden mussten.

Sie war und ist unser absolutes Wunschkind und ich hoffe, sie spürt das jeden Tag. Sie soll niemals denken, sie wäre uns nicht genug oder hätte uns nicht gereicht.

Und wenn die Zeit gekommen ist, dann erzähle ich ihr sicherlich von meinen Erfahrungen und hoffe, dass sie unsere Entscheidung nachvollziehen kann.

Danke für eure Aufmerksamkeit,
Kathi

6 Kommentare zu „Wie es wirklich ist … mit unerfülltem Wunsch nach einem zweiten Kind

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Bei uns ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass der Weg zum 1. Kind schon so steinig und das 1. Kind so fordernd war, dass mein Mann auch nicht mehr kann und will. Ich denke darüber genau so wie du und formuliere es genau so. Mit dieser Lücke muss ich leben, über diesen Wunsch werde ich nie hinweg kommen oder damit abschließen. Der unerfüllte Wunsch nach dem 2. wird mich immer begleiten, es ist ein Platz in meinem Herzen, an meinem Tisch und in meinem Haus, der für immer leer bleibt. Aber gleichzeitig empfinde ich große Dankbarkeit für mein erstes Kind und erfreue mich daran wie es ist.

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    1. Danke für deine Antwort, Julia.
      Ich wünsche dir und deiner Familie alles Liebe auf eurem gemeinsamen Weg.
      Ich denke, wir sind beide auf einem guten Weg und genießen die Zeit mit unseren Einzelkindern.

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  2. Du sprichst mir aus der Seele. Ich hab Tränen in den Augen, denn deine Geschichte ähnelt meiner sehr stark. Kannst meinen Blog sehr gern besuchen… Nach vielen Jahren Behandlung und Therapie werden wir wahrscheinlich auch das Thema beenden.. Drück dich

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