Allgemein · Alltag · Erziehung

Warum ich mir ein drittes Kind (nervlich) nicht leisten kann

Ich starte heute unsere Blogreihe über die Kinderanzahl der Mutterfreunde. Wie viele Kinder haben wir, wie viele werden es noch oder bleiben es? Ich habe bereits zwei wunderbare Jungs, aber eben wegen dieser zwei wunderbaren Jungs wird es bei uns kein drittes Kind geben. Heute im Blog ein paar Gründe für unsere Entscheidung.

Darf ich kurz vorstellen, meine Söhne

Sohn 1 ist fast 6 Jahre. Seines Zeichens Schlechtschläfer, Sensibelchen, Stubenhocker und Dramakönig. Er diskutiert alles aus und ist dabei peinlich genau, er berichtigt gerne alle um ihn herum und besteht penibel auf Absprachen mit dem Gedächtnis eines Elefanten. Merke: nie aus Verzweiflung oder Faulheit irgendetwas versprechen. Er wird einen im ungünstigsten Moment daran erinnern. Wir prophezeien ihm übrigens später eine Karriere beim Ordnungsamt, weil er auch mit Freuden fremde Menschen auf ihre Verfehlungen anspricht („Man darf nicht auf der Straße parken!“, „beim Fahrradfahren muss man einen Helm tragen!“, …). Seine mit Abstand unangenehmste Eigenschaft ist die, ständig meine Grammatik zu korrigieren.

Sohn 2 ist fast 3,5 Jahre und das genau Gegenteil von seinem Bruder. Er ist laut, wild und ein kleiner Anarcho. Tatsächlich ergaben Kindersicherungen erst durch ihn Sinn, denn sein Bruder hat nicht ansatzweise den Quatsch angestellt, der bei ihm scheinbar fest zum Charakterinventar gehört. Einmal öffnete er sogar beim Autofahren die hintere Tür. Ja, ich weiß, Kindersicherungen…und trotz Ansage aus der Erziehungshölle (und seither natürlich immer verschlossener Türen), kurbelt er heute auch immer noch fröhlich beim Fahren und vorzugsweise bei Regen hinten die Autofenster runter. Kindersicherungen sind für ihn nur dafür da, um sie zu umgehen. Seine mit Abstand unangenehmste Eigenschaft ist, bei Vorgaben und Regeln einfach nicht zuzuhören. Und das hat nichts mit (s)einer (angeblichen) Schwerhörigkeit zu tun. Die wurde getestet.

Kindersicherungen und Kind 2 laufen unter dem Motto „challenge accepted“

Für die Lesart dieses Blogbeitrages muss man mehr über sie nicht wissen.

Natürlich haben beide auch ganz tolle Charakterzüge. Aber in Kombination sind sie wegen ihrer Gegensätzlichkeit schwer zu ertragen, zumal sie sich mit ihren schlechten Seiten bis ins Extrem hochschaukeln. Man darf mir berechtigterweise auch deutliches Erziehungsversagen oder nervliche Unfähigkeit vorwerfen, aber die folgende Punkte aus meinen alltäglichen Erfahrungen mit zwei Kindern sind die Gründe, warum ich mir kein drittes Kind zumuten kann.

Wir nennen sie auch „Chaos und Zerstörung“

Auf dem Weg

Sohn 1, besagter Stubenhocker, ist kaum in Wallung zu kriegen, während sein kleiner Bruder weg ist, bevor er überhaupt Schuhe anhat. Dabei ist dieser aber ein Bündel aus unkontrolliertem Bewegungsdrang, was bedeutet, dass ich ihn erstens weder in den Kinderwagen, zweitens noch in die Trage geschnallt kriege. Der Kinderwagen ist nur interessant, wenn er ihn selbst schieben kann, um ihn dabei Passanten, die nicht schnell genug zur Seite springen, in die Fersen zu rammen.

Während Kind 1 also jammert, weil es laufen muss, jammert Kind 2, weil es laufen will. Passt doch, sollte man meinen, einfach tauschen und gut ist.

Ha. Ha. Ha.

Da gibt es nämlich dieses Geschwisterding: man will natürgemäß immer das, was der andere hat. Sobald der große Bruder im Kinderwagen sitzt, will der kleine natürlich doch wieder rein. Sitzt er drin, ist er auch nicht glücklich und will wieder raus, aber in Rambomanier selbst schieben und den großen Bruder, der dafür dann drin sitzt, in den Verkehr schubsen. Das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spielchen treiben sie dann mit den minütlichen Stimmungsschwankungen von Kleinkindern. Also ist Kinderwagen einfach keine Option, außer ich schnalle den Kleinen unter Gebrüll an und lasse den Großen mit Gebrüll hinterher schleichen. Jedes. Verdammte. Mal.

Also ab in die Trage? Da will der Kleine natürlich nicht rein, außer (ihr könnt es erraten) der große Bruder sitzt drin. Dann muss ich den Kleinen mindestens auf dem Arm tragen, während ich den Großen schultere. Es ist doch so unfair, wenn nur einer getragen wird.

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Unterwegs= verschwitzt und genervt

Beim Einkaufen

Einkaufen in Begleitung meiner Kinder versuche ich zu vermeiden. Seit Jahren schon. Tatsächlich haben es beide bereits geschafft, einen halbvollen Einkaufswagen umzukippen, weil einer bei der Turnerei daran schon abgestürzt war, während der andere noch an der anderen Seite hing.

Die unterschiedlichen Bewegungstempi der Kinder – einer schleicht, einer rennt – machen es rein vom Beaufsichtungsmodus schier unmöglich, dabei auch noch einzukaufen. Setze ich beide in den Einkaufswagen, schleppe ich also die ganze Zeit die Einkäufe, während sie sich streiten, turnen oder heulen. Spätestens an der Kasse haben mich alle Rentner im Laden mit abschätzigen Kommentaren oder zumindest vorwurfsvollen Blicken bedacht. Früher – als noch Zucht und Ordnung herrschten – hat es das einfach nicht gegeben.

(Oder man musste früher einfach nie mit übermüdeten, überreizten Kleinkindern in einem Supermarkt voller Versuchungen einkaufen. Damals. Nach dem Krieg.)

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im Baumarkt

Also gehe ich nur mit maximal einem Kind einkaufen, vorzugsweise mit dem Großen.

Denn der Kleine alleine ist wirklich nervtötend. Er bleibt einfach nicht im Wagen sitzen oder lässt die Einkäufe drin. Verzweiflungslösung: ich lasse ihn natürlich „mithelfen“. Am schlimmsten sind die Läden, die eigene kleine Einkaufswagen für Kinder haben. Wer hatte bitte diese bescheuerte Idee? Erblickt er die, ist er schon damit unterwegs und ich renne ihm im ganzen Laden hinterher. Dabei versuche ich dann hier und da meine Einkäufe in seinen Wagen zu werfen (Variante A) – oder lasse ihn einfach machen, damit ich den Einkauf so schnell wie möglich in meinen eigenen Korb platzieren kann (Variante B).

Als ich ihn einmal unbeaufsichtigt ließ, um schnell alle benötigten Sachen einzukaufen, ist er sogar mit seinem kleinen Einkaufswagen aus dem Laden abgehauen. Keine Ahnung, warum ihn niemand aufgehalten hatte, zumindest konnte ich meinen Einkaufskorb inklusive Geldbörse panisch an der Kasse stehen lassen und bekam von der Kassiererin ein freundliches: „Laufen Sie ruhig!“ zugerufen.

Bei beiden Varianten muss ich am Ende an der Kasse mehr Dinge zu kaufen, als ich eigentlich wollte. Aber die Nerven für den doppelten Weg durch den Laden, um seine Waren wieder zurück zu legen, habe ich ehrlich nicht mehr. Öfter habe ich auch schon etwas von meinen Einkäufen unmittelbar an der Kasse vergessen, weil das Kind ohne mich auf dem Weg nach draußen war.

(Und mein Mann fragt sich immer, warum ich so viel Geld in der Drogerie ausgebe. Darum.)

(Oder warum Eltern ihre Kinder illegalerweise im Auto lassen, wenn sie Einkaufen gehen. Darum.)

(Oder warum ich ansonsten alles andere online kaufe. Darum.)

Ausflüge

Mein letzter Ausflug allein mit beiden Kinder war im September 2018. Er war ein Desaster (Überraschung). Es folgt ein Bericht von einem anderen, älteren Ausflug mit beiden Kindern in die Stadtbücherei zum Bilderbuchkino, mit dem ich meine Instagram-Follower damals amüsieren konnte. Dieser steht exemplarisch für so ziemlich alle anderen Unternehmungen der letzten zwei Jahre:

Kaum hatten wir den kräftezehrenden Weg (siehe oben) zur Bücherei überstanden, ging das Drama erst richtig los. Kind 2 fand es super lustig, sich im Schließfach für die Wertsachen zu verstecken. Ich hatte mich nur kurz umgedreht, um die Sachen einzuschließen, weg war er. Ungewöhnlich still für seine Verhältnisse verharrte er darin, also ging ich davon aus, dass er wieder einmal abgehauen war. Also parkte ich Kind 1 bei der Bibliothekarin am Tresen und suchte den Kleinen unter Hochdruck in der ganzen Bücherei. Der – um es nochmal zu erwähnen – die ganze Zeit kichernd im Schrank hockte. Irgendwann fand ich ihn dort und als ich mit ihm zurück bei der Bibliothekarin war, war Kind 1 weg. Sie: „Oh, ein Kind haben Sie, aber wo ist denn jetzt das andere? Ich hab nicht mitgekriegt, dass er weggegangen ist!!!“

Bücherei
Die erschöpften Choas und Zerstörung in der Bücherei

Kind 1 wurde des Wartens wohl überdrüssig und ging derweil schon mal vor ins Bilderbuchkino – zum Glück war er da nach zwei Schreckminuten auch schnell gefunden. Er blieb aber nicht lange, denn alleine war es dem Großen da zu blöd und er kam wieder zu uns zurück, um sich Bücher anzusehen. Die dem Kleinen aber zu langweilig waren. Der wollte lieber Regale ausräumen. Und CDs durch die Gegend werfen. Und Rumrennen. Während andere Eltern mit ihren Kindern friedlich Bücher vorlasen, brüllte ich irgendwann „Lass‘ den Scheiß jetzt!!!!“ durch den Raum und sprach beide damit an, weil Kind 2 die PCs entdeckte, während Kind 1 schon weiter durch die Gegend irrte und fast wieder verschwand…als ich nach tausend Standpauken endlich meine Bücher ausleihen und die Bücherei verlassen konnte, war ich am Ende so sauer auf die beiden, dass der Mann die Kinder auf dem Rückweg von der Arbeit abholen musste. Ehrlich, ich hätte sie sie auf dem Heimweg ansonsten irgendjemandem mitgegeben.

Alle paar Wochen versuchte ich es erneut, mich mit beiden irgendwohin zu wagen und gab dann doch wieder genervt auf.

Eingerahmt werden Ausflüge nämlich von Dramakönig Kind 1, der erst vor dem Aufbruch ständig heult, weil er nicht von Zuhause weg will, dann später an der Zieldestination einen Anfall bekommt, wenn wir wieder aufbrechen müssen und Zuhause nochmal ausflippt, weil er ja da war, obwohl er gar nicht hin wollte.

Ja, das ist kein Witz. Das ist mein Leben.

Dauerzustand: Krank und müde und zu viel Arbeit

Gut, natürlich werden die Kinder älter und ich kenne zum Glück einige Eltern mit zwei kleinen Kindern, die ähnliches erleben. Oben beschriebene Erfahrungen liegen jetzt nicht (ausschließlich) an unserer Erziehungsinkompetenz oder „an den Kindern“. Die Zeit mit zwei Kindern in dem Kleinkind- und Kindergartenalter (zwischen 1,5 und 5) ist echt  hart. Je unterschiedlicher sie sind (und das sind Geschwister halt), um so schwieriger sind ihre Bedürfnisse angemessen zu beachten, damit sie eben nicht freidrehen. Das liegt zu einem Großteil sicherlich auch daran, dass man Dank Krankheitspingpong und unruhigen Nächten seit Jahren einfach mal nicht geschlafen hat und damit das eigene Nervenkostüm einer Sprengsatzweste gleicht. Bei uns waren es über fünf Jahre, die wir selten mehr als drei Stunden am Stück (die Regel war eher 1,5 bis maximal 2 Stunden) und insgesamt vier oder höchsten fünf Stunden Schlaf pro Nacht bekamen. Über fünf Jahre!

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Elternschaft in einem Bild.

Ganz ehrlich, das war eine unfassbar anstrengende Zeit, die wiederholen wir mit einem dritten Kind nicht – selbst wenn sich natürlich die meisten der hier geschilderten Situationen schlicht mit den älter werdenden Kindern erledigt haben. Außerdem war mein dauerhafter Stresspegel auch unserer Arbeitssituation geschuldet. Seit der Kleine acht Monate alt ist, schreibe ich an meiner Doktorarbeit. Und tatsächlich weiß ich im Nachhinein (mit „großem“ Kleinen, wirklich selbstständigem Vorschulkind und fast fertiger Doktorarbeit) gar nicht mehr, wie wir die meiste Zeit davon überhaupt bewältigt bekommen haben. Wir haben uns oft nach Kindern aufgeteilt, weil sie so stressfreier zu händeln waren, weshalb im Alltag ziemlich viel Familienzeit auf der Strecke geblieben ist.

Die nächsten Jahre stehen für uns im Zeichen der Wiedergutmachung. An uns, die sich wirklich aufgerieben haben zwischen der Arbeit und den Kindern und an den Kindern, die sich zum Glück ziemlich unbeeindruckt davon toll entwickelt haben.

Wir wollen die Zeit genießen, die wir alltägliche Dinge wie das Einkaufen, aber auch besondere Momente wie Ausflüge mit unseren Kindern wirklich, wirklich wesentlich stressfreier erleben können. Außerdem häufen sich die durchgeschlafenen Nächte, nicht jeder Infekt hat Ausmaße einer halben Epidemie und die Kinder haben längere Phasen der totalen Harmonie miteinander.

Mit über 3 und fast 6 nähern sich die Jungs Monat für Monat wieder mehr an, teilen die gleichen Interessen und haben annähernd gleiche Fähigkeiten. Sie profitieren mehr von ihrer Verschiedenheit als dass sie sie trennt – es wird also wirklich alles sehr viel leichter.

Nach Jahren, die wir das Familiending also eher überlebt haben, fühlt es sich jetzt nach einer gut funktionierenden Einheit an, deshalb wollen wir das Gleichgewicht nicht wieder in Gefahr bringen und verzichten – trotz dem ganzen emotionalen Liebes-Tüdelüt, das ein Baby bringt – auf ein weiteres Kind für unsere Familie und sind mit unseren beiden Söhnen vollkommen ausgelastet und glücklich.

smacap_Bright

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