Allgemein · Erziehung · Kinderbetreuung / Babysitter · politik

Die „Rush Hour“ des Lebens, unsere Gesellschaft im Umbruch und wir alle mittendrin

In der ersten drei Jahren meiner Elternschaft habe ich mich noch auf vielen Mütterblogs rumgetrieben, um mich über die alltäglichen Hürden und Probleme zu belesen. Nach mittlerweile fünf Jahren werden die Themen, die uns betreffen, ausufernder und die Zeit noch knapper, sie zu bewältigen.

Von wenig weltbewegenden Fragen wie Bekommt das Kind Brei oder blw?/Wird es geschoben oder getragen? ging es über zu den schon wesentlich schwerwiegenderen Wer betreut mein Kind den Großteil des Tages an meiner Stelle?/Hat es alles von uns mitbekommen, was es im (Vor-)Schulalter braucht? Oder wird es spätestens in der Schule scheitern?, die mich jetzt umtreiben.

Noch in Elternzeit schockierten mich die (hauptsächlich virtuellen) mommy wars und die Gemeinheiten zwischen Müttern. Statt Solidarität und Verständnis gab es geteilte Lager und Meinungen. Unüberwindbare Gegensätze ließen in schnöden Erziehungsfragen Freundschaften zerbrechen. Trauriger Alltag im Mutterdasein.

Doch nach der Elternzeit erschien mir das Gezeter zwischen Müttern bei den echten real life-Kämpfen um Vereinbarkeit und der Diskriminierung am Arbeitsplatz regelrecht harmlos. Entsetzt stellte ich fest, dass die Lager geteilt blieben und dies fortan der Tenor mir gegenüber sein sollte. Auch in der Post-Elternzeit kollidierten weiterhin Wertehaltungen mit Bedürfnissen, Leistungserwartungen mit Leistbarem und frühere Standards mit Kapazitäten. Was ich vorher nur mit mir und meinem Kind aushandeln musste (was schon schwer genug war), erweiterte sich mit jedem Monat um weitere Personen und Institutionen. Alles, das dem Familienleben und dem Konto Erleichterung verschaffen sollte (die Kita, der Job, weitere Optionen zur Karrierebildung), setzte im Endeffekt der gefühlten Überforderung nur noch eine weitere oben drauf.

Dank Vernetzung und vielen ehrlichen Freundinnen konnte ich zumindest erkennen, dass dem Gefühl nicht grundsätzlich eine Fehlbarkeit meiner Person vorausgeht – auch wenn einem das in den ersten Jahren der Mutterschaft gerne suggeriert wird.

Nein, die Familienforschung kennt einen Namen für diese Überforderung: Wir sind in der Rush Hour des Lebens voll angekommen.

[…] die Forschung [hat] eine Phase im Lebensverlauf – nämlich das Alter zwischen etwa 25 und 40 Jahren – identifiziert, in der für viele Menschen eine exorbitante Arbeitsbelastung und eine Häufung wichtiger Entscheidungen zu Beruf, Wohnort, Partnerwahl, Heirat oder Kindern auftreten. Als „Rushhour des Lebens“ wird diese Phase im mittleren Lebensalter beschrieben. (lies‘ dazu hier mehr)

Letztlich kann man fast alle Erschöpfungserscheinungen von jungen Menschen, noch-nicht- oder neu-Eltern auf diese vulnerable Lebensphase zurückführen und ich bin mittlerweile hauptsächlich resigniert, wenn es wieder mal nur auf unsere Performance geschoben wird. Unter Artikeln, die auszugsweise unsere Sorgen und Probleme schildern, wird mit so viel Unverständnis geantwortet, dass man hier tatsächlich einen Generationenkonflikt ausmachen kann.

Denn scheinbar war das früher nicht so.

Gerade wenn mit Aussagen à la ihr müsst euch doch nur von den ganzen Erwartungshaltungen/dem Druck frei machen/keiner zwingt euch/wir haben uns diese Probleme nicht selbst gemacht/… gekontert wird, muss ich genervt seufzen. Schließlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wie sehr diese Aussagen von der eigenen Sozialisation und dem Unvermögen gefärbt sind, sich genau von dem zu lösen, was sie uns vorwerfen.

Aber wer ist eigentlich das solidarisch gemeinte „wir“? Sind wir Generation X? Y? Generation Golf? Wir, die Mütter? Die Eltern? Die gut ausgebildeten jungen Frauen im gebärfähigen Alter? Warum ist diese Frage überhaupt wichtig?

Wenn mehr trennt als vereint fehlt die Solidarität

Weil wir nicht (mehr) wissen, wer wir eigentlich sind und ich glaube, hier liegt das Kernproblem. Wir suchen uns den kleinsten gemeinsamen Nenner, den wir in Erziehungsfragen, Beziehungsfragen, Jobfragen, Zukunftsfragen, usw. finden können und bleiben damit in unseren Antworten auf einen minimalen Konsens beschränkt.

Nicht umsonst scheitern gesellschaftliche Großtheorien mittlerweile daran, uns zu klassifizieren und die Politik, uns zufriedenstellende Lösungen anzubieten. Sortieren wir uns in ein Oben und Unten? Laut Reichtums- und Armutsentwicklung eindeutig ja.

Aber was ist mit der breiten Masse der Mehrheit? Die nicht ganz oben oder ganz unten sind, wo faktische Privilegien auf der einen Seite (oben) und echte Benachteiligung auf der anderen Seite (unten) geteilt wird? Was ist mit denen in der Mitte? Wir sind so vielfältig in die Breite gegangen (Stichwort: Differenzierung), dass sogenannte besorgte Bürger in eben dieser Masse abgetaucht sind und sich als Lieschen Müller und Max Mustermann von Nebenan enttarnt haben.

DIE sind wir auch nicht. Sowas von nicht!

Gesellschaftliche Kernprobleme werden zu Krisen hochstilisiert und massenmedial dorthin verschoben, wo es ausgerechnet die trifft, die neu in unserer Gesellschaft angekommen und dort noch lange nicht aufgenommen sind.  Die nicht mal ansatzweise irgendeins der Probleme produziert oder verursacht haben, die ihnen jetzt vorgeworfen werden.

Wie denn auch, wenn sie gar nicht da waren…

Wir erleben gerade eine politische Stimmung im Land, in der es notwendiger ist, für Kinder, die im Mittelmeer ertrinken, auf die Straße zu gehen, als für unsere, die keinen (guten) Kitaplatz bekommen. Und überhaupt: was ist eine Müdigkeit wegen diesem verdammten Familienbett, die Mama im Büro genervt sein lässt, gegen die unerträgliche Enge eines Übergangswohnheims mit viel zu vielen Menschen mit wirklich ganz anderen Belastungen als weniger als vier Stunden Schlaf in einem Bett?

Wir haben den feministischen Kampf um Gleichberechtigung am Arbeitsplatz noch lange nicht gewonnen, da entlädt sich die geballte Diskriminierung auf die Frau, die ein Kopftuch trägt. Und auf den dunkelhäutigen Mann.

Will da der gut ausgebildete, junge Familienvater ernsthaft noch darüber meckern, dass seine Elternzeit mit einer gerümpften Nase aufgenommen wurde? Was ist unsere Arbeitsplatzunsicherheit gegen die prekäre Situation der vielen Minijobber_innen?

Wir vergessen das alles nicht, es nagt an uns und zermürbt jedes Aufbegehren.

rhdr

Wir schleppen unsere Kinder, eigene Zukunftssorgen (Stichwort: Altersarmut von Frauen – ich platziere es solange in jeden Blogpost, bis es ins Bewusstsein JEDER Mutter gesickert ist) und die Befürchtungen ganzer Generationen durch den Alltag. Unserer Generation und die künftiger, die unserer Kinder. Gerade scheint alles im Verfall und auf zu vielen Herden kocht es über.

Aber ich schmiere erst einmal die Brote für das Frühstück im Kindergarten morgen und arbeite ganz stumpf nach dem first-things-first-Prinzip meine ellenlange Aufgabenliste ab, von der ich vielleicht müde 20% schaffe. Denn: Das Frühstück wird weder mit dem Essensgeld noch mit dem monatlichen Kitabeitrag abgedeckt. Ob das Kind Wurst (bio) haben kann, entscheidet dabei mein individueller Geldbeutelinhalt.

Noch ein Punkt auf meiner Liste der Ungeheuerlichkeiten, die ich angehen will. Den ich aber neben allen anderen Aufgaben bis zum nächsten Abend und den nächsten Broten vergessen haben werde.

Wir versuchen, so gut abzuliefern, wie erwartet wird (natürlich nur wie wir von uns erwarten *hüstel*) und bemühen uns darum, die Kinder nicht anbrüllen, obwohl wir den ganzen Tag schreien könnten. Wenn uns das gelungen ist, war das dann ein guter Tag in einer Zeit, in der „gut“ halt „nicht-schlecht“ bedeutet. Man wird flexibel in der Bewertung.

Uns allen geht es dabei in Grautönen ähnlich.

Manche schaffen es, sich mit dem Zauber der Kindheit der eigenen Kinder ein bisschen Glanz ins Leben zurück zu pusten, sie bloggen über die schönen Seiten des Familienlebens, basteln, herzen und verzieren ihr Leben mit Instagram-Hashtags.

Andere sind derweil schon auf dem Boden eingeschlafen oder hängen betäubt auf dem Sofa, während ihre Kinder frei drehen und durch die Gegend wüten. Sie verpassen neben Arbeit und Alltag die kleinen und großen Wunder im Leben mit Kindern.

Kommt daher die Resignation? Die Politikverdrossenheit? Fallen darum viele auf die leicht nach zu plappernden und absolut falschen Gleichungen von politischen Strömungen rein, die die Kategorisierung für uns übernehmen? Die uns an moralisch fragwürdigen Werten sortieren? Und schlechte Lebenssituationen mit noch schlechteren aufwerten?

Warum ist die Solidarisierung derjenigen, die dagegen stehen, so schwer? Warum lassen wir uns in unseren Unterschieden leichter trennen als in Gemeinsamkeiten verbinden?

Weil wir keine Schnittmenge (mehr) miteinander haben. Wir sind in erster Linie Mütter. Das umreisst momentan im Leben mit kleinen Kindern klar unser Aufgabenfeld der nächsten Jahre. Aber das war es dann auch schon mit der Gemeinsamkeit.

Die Probleme, die eine Vollzeitmutter hat („Geh‘ doch arbeiten!“), sind andere als die einer vollzeitarbeitenden Mutter („Arbeite weniger!“) oder die der Teilzeitkraft („Worüber beschwerst du dich eigentlich?“ (- Über alles ein bisschen)).

Genau wie die, die einen 40h-abwesenden Vater ZUM Kind hat, laut Alleinerziehenden doch einfach nur froh um ihn sein sollte.

Gleichberechtigung in der Paarbeziehung als Allheilmittel? Leider nicht. Wir können auf privater Ebene nicht lösen, was auf gesellschaftlicher falsch läuft.

Was wir brauchen ist was uns fehlt

Eigentlich braucht jedes einzelne Ich im Wir etwas anderes: dem einen fehlt Wertschätzung, dem anderen Unterstützung im Alltag, wieder anderen Zeit, den meisten Geld und uns allen Schlaf.

So kämpft jedes Ich für sich, bearbeitet individuelle Probleme und weiß selbst auch nicht so genau, was es aus seiner individuellen Not Generelles fordern kann. Und auf welcher Ebene? Von wem?

In der Paarbeziehung?
Im Dorf, das kaum jemand noch zur Unterstützung hat?
Auf Länderebene?
Auf Bundesebene?
Und wo ist die europäische Lösung?

– würde ER im Alltag mitdenken, würde das den mental workload enorm minimieren.
– wäre das sprichwörtliche Dorf, das man zur Kinderaufzucht benötigt, existent, wäre das alltägliche Leben nicht so ein Spagat.
– wäre der Kitaausbau flächendeckend und die Beiträge fair, bliebe allen durch weniger Kosten und mehr Arbeitszeit faktisch mehr Geld über.
– wäre unsere Gesellschaft auf das Kindeswohl ausgerichtet, würde sich die Debatte um Chancengleichheit und Gerechtigkeit ganz anders gestalten.

Uns trennt so viel von einander, aber eine Gemeinsamkeit haben wir: wir haben Kinder. Oder wollen zumindest welche. Oder hatten in Vergangenheit einmal eine schöne Vorstellung von der Idee einer eigenen Familie.

Wenn wir also unseren kleinen und großen Lebensinhalten und Kernaufgaben nachts beim Schlafen zusehen (weil sie uns wieder einmal wach getreten haben), ist uns vielleicht klar, dass sie das einzig wirklich sichere sind, das uns in Zeiten befristeter Arbeitsverhältnissen, unsicheren Beziehungssituationen, unbekannten Altersrenten und mehr als gruseligen politischen Alternativen bleibt. Sie sind der Lohn für die Mühen, das Lachen, das uns im Hals stecken bleibt, die Unbekümmertheit, die wir verloren haben und das Vertrauen, das uns schon so lange fehlt.

Aber darum entsteht so viel Druck in der Eltern-Kind-Beziehung. Bei unseren Kindern, die den Druck als allerletzte abbekommen sollten.

Anstatt uns frei zu machen, müssen wir das Tempo erhöhen – und das sitzt uns im Nacken

Also arbeiten wir weiter an unserer Performance im Alltag, um von ihnen fernzuhalten, was uns erschöpft, wütend und sprachlos macht. Dabei müssten wir so viel mehr tun. Wir müssen aufhalten, was eklatant falsch läuft. Bevor einiges nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Aber wir stehen in der Rush Hour unseres Lebens an der Hauptverkehrsstraße und müssen bei Rot über die Ampel, weil sie niemand für uns auf Grün schalten wird. Dabei haben wir eins oder mehrere Kinder an der Hand und viel mehr Gepäck, als wir schultern können. Mit dem, was wir rübertragen, bauen wir auf unserer Gegenwart die Zukunft unserer Kinder auf. Also halten wir ihre Hand ein bisschen fester als vielleicht gut wäre, damit sie auf dem Weg zur anderen Seite nicht unter die Räder kommen.

rpt

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s