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lerches #muttertagswünsche 2018: Schafft die Mutter ab

Jedes Jahr kommt dieser merkwürdige Feiertag, der keiner ist: Der Gedenktag für alle Mütter. Der Tag, an dem Kinder und Partner sich dem bewusst werden, was die mütterliche Familienkomponente so leistet. Was man sonst als selbstverständlich betrachtet, soll an diesem Tag offensichtlich werden.
Und jedes Jahr gibt es reichlich, was immer noch nicht gut läuft. Es ist eine so gigantische Menge an Themen, die diesen Muttertag umwabern wie Gulligeruch den nächsten Rosenstrauch. Man kann sich hervorragend in diesem Sumpf aus Ungerechtigkeiten an Punkten bedienen, die dringlichst eine Bearbeitung benötigen. Man möchte schreien: Warum ist es immer noch so und warum zur Hölle geht das nicht schneller vorran?

Mein Aufhänger ist quasi auch die Grundlage dieses Tags: Die Mutter. Als Kind habe ich den Muttertag mit Haushalt verknüpft: Mutter durfte sich einen Tag ausruhen, bekam ein paar Blümchen und wir Kinder haben besonders gründlich die Zimmer aufgeräumt und mal den Staubsauger durch das Wohnzimmer bewegt. Hurra, was für eine Entlastung!

Jetzt wo ich selbst Kinder habe, wirft mir dieses Bild unweigerlich Fragezeichen an und in den Kopf. Meine Mutter war, bis auf eine kurze Unterbrechung in der Kindergartenzeit, immer berufstätig, zum Schluss sogar Vollzeit. Wieso habe ich die Befreiung von Hausarbeit als eine Befreiung meiner Mutter verstanden? Und wieso war es an Vatertag völlig egal, wie mein Zimmer aussah, hauptsache Papa war völlig außer Haus und hatte „Freizeit“?
Jedesmal, wenn wir von der Mutter sprechen, manifestiert sich ein Bild in unserem Kopf. Wer sich noch nicht lange mit diesem Bild beschäftigt, wird vermutlich eine sehr klassische Vorstellung davon haben, was eine Mutter ist, wie sie zu sein hat und wo ihre Kompetenzbereiche liegen. Analog dazu, aber in den Faktoren stark abgegrenzt, der Vater. Das, an das wir an Mutter- beziehungsweise Vatertag denken, erfordert also auch deshalb eine Trennung, weil in unseren Köpfen die beiden Konzepte eine Trennung enthalten, die über das blose Vorhandensein spezifischer Geschlechtsmerkmale hinausgehen (in wie weit die relevant sind, um sich als Mutter oder Vater zu fühlen, kommt dann nochmal in einem ganz anderen Kapitel).
Aber was nützt denn diese Trennung und wem nützt sie?

„Die Mutter“ ist ein Phantom.

Ein Relikt aus normativen Zeiten, in dem Gleichschaltung und einfache Schubladen Sinn und Ziel der Gesellschaft war. Und auch wenn es sicher hoch funktional ist, wenn diese einfachen Schubladen verschlossen werden und nur zu Neubefüllungszwecken kurz eine Öffnung erfahren, ist es sicher nicht mehr das Ziel, auf das wir im Jahr 2018 für das Individuum oder die Gesellschaft hinarbeiten.
Es gibt zahlreiche Mütter, so viele Mütter, wie es Menschen gibt, die sich als solche fühlen. Mütter, die in der tradierten Rolle aufgehen und Mutterschaft alleinstehend als Berufung betrachten. Mütter, die bis auf den biologischen Faktor, mal ein Kind in die Welt gesetzt zu haben, überhaupt keine Identifikation mit dem Mütterbegriff finden. Mütter, die ihre Arbeit genauso oder vielleicht noch mehr lieben, als ihre Kinder. Mütter, die gerne draußen sind, Mütter, die sich im Haus wohlfühlen. Es gibt Mütter, die im Beruf viel leisten und zu Hause genauso viel für ihre Kinder geben. Mütter, die auch ohne Kinder gerne reisen. Mütter, die viel Auszeit vom Familienleben benötigen, weil es sie überfordert. Es gibt unglückliche Mütter und es gibt Mütter, die ihr Leben lieben. Es gibt Mütter, die ihre Kinder nicht groß ziehen können, obwohl sie es wollen. Es gibt Mütter, die für ihre Kinder da sein müssen, auch wenn sie es nicht wollen. Es gibt Mütter, die für ihr Leben und das, was sie gerne wollen, kämpfen und es gibt Mütter, die aufgegeben haben.

Elternschaft ist so komplex, wie es die Menschen sind, die sie innehaben. Davon zu sprechen, was ein gutes Elternteil ausmacht aus dem, was wir gewohnt sind oder „was uns auch nicht geschadet hat“, verengt den Fokus in einer Weise, die Kommunikation untereinander erschwert. Die zu Verurteilungen führt, zu Vorannahmen, zu falschen Schlussfolgerungen. Bemühen wir den Begriff der „ausreichend guten Eltern“ (im orginal Mütter, ich übertrage es frechdreist), dann kann es gar nicht den einen richtigen Weg zu dem Wunsch geben, der uns mehr oder weniger eint: Eine Lebensphase, in der es Eltern und Kindern grundsätzlich gut geht, in denen beide gemeinsam an Herausforderungen wachsen können. Während der eine Mensch seinen Platz in der Erwachsenenwelt  in einer Form findet, die für ihn und die Menschen um ihn herum relative Zufriedenheit bedeutet, wächst der andere Mensch in eine spätere, ältere Lebensphase und lernt sich  und die Welt, wie er sie gerne hätte, besser kennen.

Wie genau dieses Zusammenwirken von Menschen und Lebensphasen aussehen kann, das ist so individuell, dass eine Zusammenfassung unter aufgeladenen Begriffen wie „Mutter“ oder „Vater“ flach sein muss. Manchmal notwendig, um eine (gedachte) Gruppe als solche in den Blick zu nehmen. Aber völlig ungeeignet, wenn es um Bewertung und Denkmuster geht.
Bedürfnisse von Müttern (und Vätern) sind nur insofern besonders, als sie an das Vorhandensein eines Kinds geknüpft sind. Ansonsten sind sie völlig identisch (oder eben nicht) zu denen, die Menschen sonst haben:
Selbstbestimmung. Eine stabile, gesicherte Existenz. Gesundheit, psychisch wie physisch.

Zur Empfängnis des Kindes bereits eine Schablone zu erhalten, an der man messen kann, ob man dem Bild der Mutter entspricht, führt uns dabei nicht weiter.
Es ist Zeit, das Indivdiuum in den Blick zu nehmen.

Was mache also ich an Muttertag? Ich bin nicht da. Ich besuche eine Freundin und nehme Tochterkind mit. Man darf mir gerne etwas schenken, weil das Leben mit zwei Kindern sehr anstrengend sein kann und ich für Anstrengungen Anerkennung gerne mag. Aber wehe, jemand berührt an diesem Tag den Staubsauger.

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