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chutriels #muttertagswünsche 2018

Wie traurig, dass sich die meisten #muttertagswünsche vom letzten Jahr auch dieses Jahr wiederholen. Es hat sich nichts getan. Im Gegenteil, einige Punkte sind noch sehr viel schlimmer geworden.

Ich muss nicht die Selbsttests im Internet ausfüllen, um eine chronische Erschöpfung an mir zu erkennen. Und ich habe es satt, dass es auf meine Performance geschoben wird, warum ich die Elternschaft so anstrengend finde. Denn ich sehe links und rechts in ebenfalls erschöpfte Gesichter. Ich kenne viele Mütter, die fast dauerhaft Schmerzmittel oder andere Medikamente nehmen müssen, um durch die Tage zu kommen. Die lieber an ihrer Einstellung oder an ihrem mentalen Zustand rumdoktern, als mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verschulden, dass wir täglich am Rand des Machbaren und oft genug darüber hinaus durch unser Leben taumeln.

Fangen wir direkt mit dem Start in die Elternschaft an:

Mein #muttertagswunsch Nr. 1 gilt der Verbesserung unserer katastrophalen Geburtshilfe. Durch die letzten zuständigen Gesundheitsminister bekommt man den Eindruck, dass es förmlich System hat, Frauen mit der Geburt auf das vorzubereiten, was sie in der Elternschaft erwartet: Alleinsein, Hilflosigkeit, Schmerz.

Frei nach dem Motto „gewöhn‘ dich dran, Mama! Ab heute wird es weh tun.“

Denn auch, wenn das erste Babyjahr überstanden ist, kämpfen wir weiter mit dem System. Die Vereinbarkeit mit dem Beruf ist quasi nicht vorhanden. Wenn (FALLS) wir einen Kitaplatz bekommen, sind die Betreuungszeiten kaum mit der Arbeitszeit vereinbar.

Viele Kindergärten schließen drei Wochen in den Sommerferien, was für die Ottonormal-Arbeitnehmerin schon über die Hälfte ihres Jahresurlaubs bedeutet. Und wenn unterschiedliche Betreuungseinrichtungen, da mehrere Kinder untergebracht werden mussten, unterschiedlich schließen, kommt man nicht mehr hin.

Konkret: wir haben zwei Kinder in unterschiedlichen Einrichtungen, deren Schließzeiten konträr laufen. Dieses Jahr müssen wir über 60 Tage abdecken, da wir noch eine Eingewöhnung machen müssen, wenn der Kleine von der Tagesmutter in den Kindergarten wechselt. Mit jeweils 30 Tagen Urlaub. Das wäre ohne Hilfe von den Großeltern nicht möglich. Aber auch wenn wir dieses Jahr viel geschoben, verhandelt, geplant und uns verbogen haben: am Ende geht unser Urlaub, der eigentlich zur Erholung da ist, für nicht vorhandene Kinderbetreuung drauf. Einen gemeinsamen langen Familienurlaub konnten wir letztes Jahr und können wir dieses Jahr wieder nicht machen.

Die großen Schließzeiten sind aber das eine, die täglichen das andere. Bei uns gehen viele offizielle „Vollzeitplätze“ im Kindergarten bis maximal 16 Uhr. Da muss man kein Mathegenie sein, um nachzurechnen, dass frau so NICHT vollzeitarbeiten kann.

Kommen da noch die Arbeitswege hinzu (da man kaum Wahl bei der Kita hat und nehmen muss, was man kriegen kann) – wieder konkret bei mir fast 2,5 Stunden pro Tag – bleibt nicht mehr viel Zeit, um in der Betreuungszeit auch wirklich zu arbeiten. Ich schaffe fünf Stunden am Tag. Mehr nicht.

Mein #muttertagswunsch Nr. 2 lautet daher, dass die Kitaplätze auf die realen Arbeitszeiten angepasst werden müssen. Weniger Schließzeiten und längere Öffnungszeiten.

Zudem brauche ich eigentlich einen freien Tag in der Woche, da ich ein schwerhöriges Kind habe. Dieses Kind muss einmal im Monat Frühförderung erhalten, alle sechs bis acht Wochen zur Gehörgangreinigung beim HNO, alle drei Monate zur Hörgeräteakustik und alle sechs Monate zum Hörtest in die Pädaudiologie. Jedes Mal Termine, die mindestens 60 bis 180 Minuten in Anspruch nehmen. Dafür muss ich Urlaub nehmen oder eine Krankschreibung aufs Kind opfern. Eine Anfrage bei meiner Krankenkasse, ob ich mit so einem zusätzlichen Versorgungsaufwand nicht mehr Kindkranktage bekäme, wurde mit „nein, ich will Ihre Belastung nicht kleinreden, aber es ist per Definition nicht schlimm genug, um mehr bezahlte Tage zu rechtfertigen“ abgeschmettert.

Eine Haltung, die uns überall begegnet. Ja, wir sind belastet, aber nein, mehr als das Minimum an Unterstützung ist nicht drin.

Und nach dem echt schlimmen Winter und der Grippesaison haben wir Ende Februar bereits die Hälfte unser Kindkranktage aufgebraucht. Wir konnten es uns schlicht nicht leisten, die Kinder eine ganze Woche aus der Kita Zuhause zu lassen, obwohl sie es benötigt hätten. Wir brachten unsere Kinder also öfter als gut gewesen wäre so mittelmäßig gesund wieder zurück. Wie viele andere Eltern auch. Trotzdem blieben sie insgesamt 18 Tage Zuhause, die wir mit Home Office, Wochenendarbeit und einer zusätzlichen Kinderbetreuung abfingen: eine Kinderfrau holte die Kinder an zwei Nachmittagen in der Woche ab, damit ich mehr Stunden (vor-)arbeiten konnte. Mit ihr zahlten wir allerdings insgesamt zwischen 700 und 800 Euro pro Monat für die Kinderbetreuung (Tagesmutter 263 Euro + Kitaplatz 214,50 Euro + Kinderfrau 200-300 Euro). Über 1/4 meines (Brutto-)Gehaltes geht für die Kinderbetreuung drauf. Das ist doch totaler Irrsinn!

Ich gehöre Dank Tarifvertrag und einiger Jahre Berufserfahrungen schon zu den Besserverdienenden meiner Branche (Geisteswissenschaftlerin). Trotzdem muss man auch hier kein Rechengenie sein, um zu erkennen, dass ich als Teilzeitbeschäftigte diese Kinderbetreuung nur hart als Alleinerziehende bezahlen könnte. Wenn neben dem 1/4 des Bruttogehaltes noch 1/2 für die Miete draufgehen würde, dann die Steuer voll reinhaut – denn Alleinerziehende werden wie Singles besteuert*, was der nächste Irrsinn ist – könnte ich mir entweder keine Wohnung, keine Arbeit oder keine Kinder leisten. Zumindest nicht in der Kombination. Trauriger Alltag für die Alleinerziehenden in Deutschland.

*edit: Alleinerziehende können die Steuerklasse II wählen, werden also nicht zwangsweise wie Singles besteuert. In der Steuerklasse II haben sie einen Alleinerziehendenentlastungbetrag. Der bringt nicht viel, denn auch hier greift o.g. Meinung des Staates, „ein bisschen Hilfe ist doch Hilfe. Wo ist das Problem?“

Und sind die Kinder länger als 20 Tage im Jahr krank, muss ich mich unbezahlt freistellen lassen, wenn ich keinen Urlaub mehr übrig habe.

Mein #muttertagswunsch Nr. 3 ist daher ein gesichertes Einkommen, auch wenn ich mein Kind länger als 20 Tage im Jahr Zuhause lassen oder zum Arzt bringen muss und eine bessere Steuerpolitik für Eltern (nicht Verheiratete!!! Nieder mit dem Ehegattensplitting!!!!)

Arbeiten gehen und Kinder haben ist also ein Minusgeschäft. Sowohl auf dem Energie- als auch auf dem Kontostand. Zuhause bleiben geht aber auch nicht. Denn: Altersarmut droht. Danke an das System für unbezahlte Care-Arbeit und nicht rentenwürdige Erziehungszeiten. Ich habe mich schon oft über das Thema aufgeregt und rege mich auch weiterhin darüber auf. Spätestens, wenn mein jährlicher Rentenbescheid ins Haus flattert, kriege ich Schnappatmung.

Mein #muttertagswunsch Nr. 4 ist also ein rechtmäßiger Anspruch auf die Rückkehr in die Vollzeitarbeit nach der Elternzeit und/oder eine Mütterrente, die ihren Namen auch verdient. Eine Rente für MÜTTER, die hauptberuflich ihre Kinder betreut haben. Wir alle wissen, dass das ein echter richtiger Job ist, der nicht weniger als 20 Jahre dauert. Und ihn so am Ende des Lebens entlohnt zu bekommen, ist eine Beleidigung. Entweder muss eine Gesellschaft mittragen, dass sich Eltern unbesorgt Zuhause um ihre Kinder kümmern können oder sie machen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht so verdammt schwer. Um nicht weniger sollte es bei unseren Forderungen gehen.

Wir sind doch so viele, warum ändert sich das System nicht und passt sich besser an unsere Bedürfnisse an? Sind wir so getriggert, dass Kinderkriegen als persönliche Entscheidung des häuslichen Bereiches nichts im öffentlichen zu suchen hat? Damit sich keine politischen Konsequenzen daraus ergeben müssen? Ist unsere Gesellschaft so träge, dass wir dem Wandel der letzten 20 Jahre noch nicht nachgekommen sind? Oder sind wir alle zu müde, um uns genügend aufzuregen?

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In unseren digitalen Zeiten, in denen hashtags viral gehen und tatsächlich gesamtgesellschaftliche Bewegung auslösen können, sollten wir alle mitmachen! Also twittert, postet und veröffentlicht eure #muttertagswünsche!

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Ein Kommentar zu „chutriels #muttertagswünsche 2018

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