Allgemein · Alltag · Erziehung

Gegen die Wut im Alltag

Ich bin auf einen Blog-Artikel gestoßen, der Eltern dabei helfen soll, im Alltag gelassener zu werden. Das klingt ziemlich viel versprechend, denn die Methode ist schnell installiert und einfach umzusetzen.

Wir alle wissen, dass man sein Kind nicht anschreien soll. Darüber muss man nicht diskutieren. Was viele aber auch erleben, ist die harte Alltagsrealität, in der einem das sehr wohl passieren kann.

Ich behaupte, ALLE Eltern kennen das, auch wenn es in der schönen Familien-Instagram-Facebook-Blogger-Welt scheinbar genug Zen-Meisterinnen der Erziehung gibt, die niemals wütend werden.

Gut, kann sein, dass manche Eltern wirklich nie die Fassung verlieren, für mich gilt zumindest oben gestellte Aussage. Meine Kinder können mich unfassbar wütend machen. Und wenn alle ad hoc SOS-Maßnahmen nicht weiterhelfen (den Raum verlassen, tief durchatmen), knallt bei mir auch mal die Sicherung durch und ich brülle entgegen meiner ganzen Vorsätze (zurück). Denn oft geht dem Anschreien ein kolossales Scheitern meinerseits zuvor, die Situation vorher angemessen zu lösen. Und zwar im Sinne von demokratisch, Attachment Parenting, autoritativ oder einem anderen ehrenhaften Erziehungsstil.

Ich finde mich 95% des Tages zugewandt, bindungsorientiert und liebevoll, aber an den anderen 5% kann ich Cruella De Vil werden (an guten Tagen, an schlechten fällt die Bilanz anders aus).

Mary-Poppins-Cruella-de-Vil-2

Vor allem, wenn sie nicht ins Bett gehen wollen. Wenn sie mich zum wiederholten Mal ignorieren oder im Gegenteil, mich einfach nicht in Ruhe lassen. Wenn sie in unserem eng getakteten Alltag voll aus der Spur laufen und sich nicht anziehen/nicht ins Auto/nicht aufräumen/nicht mitkommen wollen. Ich werde dann ungeduldig, gemein und auch richtig wütend.

Einige typische „Aaarrrrgghhh“-Momente:

sdr
Bockiger Zweijähriger, der nicht ins Auto einsteigen will
cof
Bockiger Vierjähriger, dessen Laufrad ich den halben Weg schleppen muss
cof
Chaos, das keiner aufräumen will und außer mir auch nicht wird

Ich kann es jetzt auf unser hohes Arbeitspensum schieben, auf den Schlafmangel seit fünf Jahren, auf beide High-Need-Kinder (der eine schlicht charakterlich, der andere durch den Förderbedarf auf Grund seine Schwerhörigkeit), auf die extrem anstrengende Autonomiephase im Doppelpack (durch den Zwei- und den bald Fünfjährigen), auf den hohen Krankenstand des brutalen Herbstes/Winters, der krankheitsmäßig noch nie so schlimm war wie in den letzten Wochen, etc. pp.

Aber ehrlich, ich bin auch einfach kein geduldiger und entspannter Mensch. War ich noch nie, werde ich nie sein. Da hilft auch kein Yoga, keine Meditation, kein Sport oder Entlastung im Alltag, die ich außerdem zusätzlich organisieren muss.

Work-Life-Balance ist halt ein Witz, wenn das einzig Machbare eine Reduzierung der Arbeitszeit ist. Und ganz ehrlich, die Stunden im Büro sind der entspannte Teil des Tages.

Also, wie schaffe ich es, in Situationen, in denen ich ausflippen möchte, ruhig zu bleiben? Wie geschrieben, tief durchatmen oder fluchtartig den Raum verlassen bringt es nicht immer, denn in Situationen, in denen ich rumschreie, bin ich wie auf Autopilot. Und genau da setzt die Methode an, die ich euch vorstellen möchte.

How to Stop Being an Angry Mom Now…Using 5 Hair Ties

Der Blog-Artikel verspricht eine Taktik, mit der man sich selbst ausbremsen kann. Mit Hilfe von Haargummis. Um eben nicht automatisch in ungutes Verhalten abzurutschen, braucht es eine Visualisierung. Quasi ein Anker, der einen permanent erinnert.

Kelly Holmes, die übrigens das Buch „Happy You, Happy Family“ geschrieben hat (kommt auf den meterhohen Stapel der Bücher, die ich lesen werde, wenn ich Zeit finde. Also wenn die Kinder ausgezogen sind…), fasst die Methode so zusammen:

  1. Binde pro Kind fünf Haargummis um dein Handgelenk. Anstatt Haargummis tun es auch dünne Arm- oder Gummibänder. Am besten etwas, das sich leicht abnehmen und umsetzen lässt.
  2. Die Bänder sollen erst ums Handgelenk, wenn die Kinder aufwachen und der Tag mit ihnen beginnt. Wenn man keine Zeit mit ihnen verbringt (bspw. auf der Arbeit oder wenn sie abends im Bett sind), sollte man sie wieder abnehmen. Dies soll dem entgegen wirken, dass man die Bänder irgendwann nicht mehr wahrnimmt und sie ihren Effekt verlieren.
  3. In dem Moment, in dem man unerwünschtes Verhalten bei sich feststellt, also sein Kind anschreit, ungeduldig oder fies ist, setzt man ein Band auf das andere Handgelenk um.
  4. Man darf das Band erst wieder zurücksetzen, wenn man mit seinem Kind „reconnectet“, also eine positive Interaktion hatte. Das kann von einem Kompliment über einen Kuss bis hin zu einer Umarmung oder einem gemeinsamen Spiel sein – eine Entschuldigung für das eigene blöde Verhalten ist damit nicht gemeint, denn die ist natürlich obligatorisch.
  5. Am Ende des Tages sollten alle Bänder (zurück) am richtigen Handgelenk sein. Bei Linkshändern das linke, bei Rechtshändern das rechte.

Was steckt dahinter?

Die Idee basiert auf den Arbeiten von Dr. John Gottman, dem Einstein der Liebe. Der Psychologe und Mathematiker erforscht gute Beziehungen und eine seiner Formeln lautet, dass jede Beziehung wieder ins Gleichgewicht kommt, wenn auf fünf negative Interaktionen fünf positive folgen.

Gut, an der Stelle kann man kritisieren, dass ein nettes Kompliment nicht unbedingt wieder gut macht, dass ich mein Kind vorher angebrüllt habe. Im O-Ton der ewig besorgten Eltern kann man den Schaden ja eh nie wieder gut machen.

Ich finde es aber durchaus lohnenswert, solche Techniken im Alltag auszuprobieren.

Denn wenn es hilft (hier zum Beispiel ein Erfahrungsbericht), sich erstens sein ungutes Verhalten in den entsprechenden Situationen bewusst zu machen und zweitens, es damit auch zu durchbrechen, warum nicht? Ich werde berichten, wie gut es bei mir funktioniert hat.

Kennt ihr die Methode oder habt ihr eigene entwickelt, euch im Alltag über ungutes „Erziehungsverhalten“ bewusst zu werden?

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Ein Kommentar zu „Gegen die Wut im Alltag

  1. Schon vor meiner Zeit als Paradies- Leber und Blogger lernte ich von meinen (4) Kindern mehr als sie von mir 😉
    Das würde ich Euch, mit heutigem Paradieswissen, auch raten. Wer sonst, in dieser hoffnungslos gleichgeschalteten Gesellschaft, sollte uns auf unsere Blödheiten aufmerksam machen, wenn nicht die unvoreingenommenen Kinder!? 😉
    Und gerade bei so Emotionsthemen wie Wut – das weiß jeder Therapeut – sollten sofort die Alarmglocken schrillen! Das ist ein todsicheres Zeichen, dass etwas bearbeitet werden will. – Innen, nicht außen!
    Liebe Grüße und
    paradise your life!

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