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Leseecke – Sieh mich an

Ursprünglich hatte ich mich auf ein ganz anderes Buch gefreut (Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger), aber da dieses noch gar nicht im Buchhandel angekommen war, griff ich spontan nach einem anderen Roman: „Sieh mich an“ von Mareike Krügel. Ich hatte keine Ahnung, was ich da so unbefangen ausgewählt hatte.

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Wieder einmal saß ich einem schönen Cover auf: Die Hülle gefiel, die ersten Zeilen klangen gut und so kaufte ich es mir spontan für eine lange Bahnfahrt von Köln nach Dresden. Und dann sowas: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind.“ Die Protagonistin, Mutter zweier Teenager (11 und 17 Jahre alt) entdeckt einen Knoten in ihrer Brust…

„Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind“

Katharina scheint mit ihrem Leben völlig überfordert: Sie sitzt quasi als Haufrau zu Hause fest (hin und wieder gibt sie einen Kurs „frühkindliche Musikerziehung“), während ihr Mann in Berlin arbeitet und nur an den Wochenenden nach Hause kommt. Nicht nur, dass ihre Dissertation nie zu Ende geschrieben wurde, sie sie auch relativ unbegabt, was das Hausfrauen-Dasein angeht: Sie hat nahezu Angst vorm Wäschewaschen und ist eine miese Köchin. Ihre To-Do-Listen kann sie auch nie abarbeiten, die Kinder stressen, die Nachbarn haben Probleme, die Schwester mault, sie ist sauer auf ihren Mann…

Zudem hat ihre Tochter Helena wahrscheinlich ADHS und macht ihr seit der Geburt das Leben so schwer, dass sie bereits mehrmals an Selbstmord dachte. Andererseits nimmt sie sich ihrer Tochter wie eine Löwenmama an und liebt das Kind trotz aller Anstrengung heiß und innig.

Und nun: Wahrscheinlich Brustkrebs.

Ein letztes Wochenende in Normalität

Sie beschließt, nach dem Wochenende zum Arzt zu gehen und versucht sich bis dahin in Normalität. Ihr Mann aber kommt an diesem Wochenende ausgerechnet nicht nach Hause, was sie ihm sehr übel nimmt. Und dann folgt ein Ereignis dem nächsten: Helena muss mit Nasenbluten aus der Schule abgeholt werden, sie bekommt ihre Periode, der Sohn ist verliebt, der Nachbar säbelt sich den Daumen ab und muss ins Krankenhaus, die Tochter tickt beim Reittraining aus, gallopiert davon und fällt vom Pferd. Die Schwester ist beleidigt, weil ihre Anrufe ignoriert werden… Die Waschmaschine brennt.

Katharinas Leben ist schon beim Lesen anstrengend und nichts ist irgendwie lustig, auch wenn verschiedene Pressestimmen das behaupten: „Ein intelligenter Roman, der leicht und humorvoll daherkommt“ (die Zeit) oder: „Sieh mich an‹ ist für mich die perfekte Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang, Humor und Drama, Spaß und Ernsthaftigkeit“ (schonhalbelf.de).

Was für ein anstrengender Roman

Für mich war der Roman am Anfang sehr anstrengend, so angespannt war ich beim Lesen, manchmal auch genervt, weil Katharina sehr speziell ist und sich gedanklich ständig aus der Welt „ausklingt“. Viele Dinge passieren nur, weil sie überhaupt nicht bei der Sache ist.

Lag das am Knoten oder am Chaos? Ich kann der NEON da gar nicht zustimmen, die schreibt: „Die Hauptfigur Katharina ist genau im richtigen Maß normal und sympathisch verschroben, so wie jeder gerne wäre.“ Sie ist sehr verschroben und sehr unnormal und sie tut mir auch wahnsinnig leid.

Sie macht so viel falsch…

Katharina ist unzufrieden mit ihrer Situation (schon vor dem Knoten) und kennt die Baustellen sogar, doch sie geht sie nicht an. Vielleicht in einem anderen Leben, sagt sie zu sich selbst. Warum sie zum Beispiel dem alten Laptop benutzen muss, während ihr Mann ein eigenes Highend-Gerät in einem eigenen Bürozimmer allein benutzen darf, fragt sie sich. Sie ist zu erschöpft, um solche Machtkämpfe auszutragen.

Mitleid und Verständnis empfindet man beim Lesen. Sie gibt ihr bestes in ihrem Hamsterrad,

Ein Roman über Frauen der Gegenwart?

Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Roman über die Frauen der Gegenwart sein kann. Dafür ist er ziemlich „extrem“, auch sehr pessimistisch… So will ich „uns“ Frauen der Gegenwart nicht sehen. Doch in milderer Form geht es sicherlich vielen Frauen wie Katharina, die immer nur an andere denkt – die Kinder, den Mann, die Schwester, die Nachbarn und Freunde.

„Sieh mich an!“ ist ein wirklich harter und wirklich trauriger Roman. Leicht zu lesen zwar, aber schwer zu verdauen.

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